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Versuch Vorwort
Eine Stadt schreibt ein Buch …
Wenn es um das Thema „Schreiben“ geht, zitiere ich gern George Bataille, der gesagt hat: „Schreiben heißt das Glück suchen.“
Nun haben sich im Vorfeld der Rheinland-Pfälzischen Literaturtage 2009 in Bingen eine Hand voll Schreiblustige auf den Weg gemacht, dieses Glück gemeinsam zu suchen.
Ob sie es gefunden haben, weiß ich nicht. Aber sie haben eines auf jeden Fall geschafft:
Sie haben gemeinsam eine Geschichte im Internet geschrieben.
Und sie haben - woran so mancher zwischendrin nicht mehr geglaubt hat - diese Geschichte, die mit zunehmender Seitenzahl zunehmend komplizierter wurde, tatsächlich zu Ende gebracht. Und das ist bemerkenswert. Denn jedem Anfang wohnt bekanntermaßen ein Zauber inne, Durchhalten dagegen - gerade beim Schreiben - bedeutet eine eher schweißtreibende Arbeit.
Wie alles begann.
Die gute Absicht der Initiatoren hinter der Idee zu diesem Projekt zielte allein auf den Spaß und die Freude beim Entstehen eines solchen Gemeinschaftswerkes. Eine Geschichte, die von vielen geschrieben und von vielen im Internet gelesen wird - das war das Ziel.
Und so erfolgte zuerst einmal ein Aufruf, dem erstaunlich viele Schreibwillige folgten. Und los ging es!
Tragischerweise ereilte die Schar der Schreibwilligen das Schicksal der „zehn kleinen Negerlein“. Sie erinnern sich: „Da waren’s nur noch …“
In unserem Falle waren es am Ende immerhin noch sechsundzwanzig, die über einen Zeitraum von zwei Monaten die Geschichte geschrieben haben.
Und was für eine!
Sie beginnt recht beschaulich im Abteil eines Zuges. Elfriede Goldstein, eine Frau in den besten Jahren, reist zur Zeit der Apfelblüte nach Bingen an den Rhein, um dort ein paar Tage Urlaub zu machen und zu malen. Im Abteil trifft sie auf ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen.
Gleich die erste Schreiberin lässt Elfriede am falschen Bahnhof aussteigen. Und wer weiß, vielleicht ist dies bereits der erste symbolische Hinweis auf das, was kommen wird. Irrungen und Wirrungen in Hülle und Fülle.
In rascher Folge entwerfen die Schreibenden Personen, von denen die meisten mit einer beachtlichen Vergangenheit gesegnet sind. Dadurch kommen immer mehr Namen ins Spiel. Und plötzlich tobt ein wilder, gespenstiger Reigen durch die Zeilen und über die Seiten. Eine schier undurchschaubare Familienbande mit jüdischen Vorfahren.
Die Schreibenden schreiben und fantasieren, was das Zeug hält. Im literarischen Eifer schleichen sich erste Verwechslungen
ein.
Erste aufmerksame Leser, die das Projekt im Internet verfolgen, melden sich zu Wort. Da heißt es in einem freundlichen Brief:
„Ich bin etwas verwirrt und würde mir an dieser Stelle einen Namen wünschen.“
Eine andere Leserin, die ebenfalls nicht ganz durchblickt, schickt gar eine wohlkonstruierte Aufstellung der Verwandtschaftsverhältnisse, die sogleich ins Netz gestellt wird.
Und weiter geht die wundersame Schreibreise. Wilder und immer wilder.
Zum Familiengeheimnis gesellt sich ein weiteres Geheimnis, das von den Schreibenden, wie der Stab beim Staffellauf, munter weitergegeben wird. Irgendwie wird die Geschichte dadurch immer geheimnisvoller. Und weil alle fröhlich um das Geheimnis drum herum schreiben, kommt es auf Nebenschauplätzen zu immer neuen Überraschungen, Entdeckungen, Enthüllungen. Und plötzlich mehren sich die Verbrechen. Von „familiärem Durcheinander“ ist jetzt im Text die Rede, sogar von „Wahnsinn“.
Und auf einmal scheint die Fantasie Flügel zu bekommen. Die vorletzte Schreiberin steigt kurzentschlossen aus der Geschichte aus. Die letzte Schreiberin dagegen steigt beherzt wieder ein und komponiert das fulminante Finale.
Geschafft. Aus. Ende. Durchatmen.
Auch wenn es phasenweise den Anschein hatte, als würden sich die Fäden des Textes ineinander verfilzen und verfangen, am Ende ist die Geschichte rund.
Wie Elfriede Goldstein übrigens auch, die in den letzten Sätzen plötzlich als „mollig“ erscheint. Genaugenommen kein Wunder. Denn ungeachtet all der Ungeheuerlichkeiten, die passieren, wird in der Geschichte gern und gut gegessen. Auf den Tisch kommen Spezialitäten aus der Region. „Spargel“, zum Beispiel, „warme Fleischwurst“, „knusprige Wasserweck“ und „Spundekäs“, und dazu gibt’s „Apfelschorle“, „Riesling-Sekt“ und „Weißwein aus Rheinhessen“.
Tja. Eine Stadt schreibt ein Buch. Dass dieses Unterfangen nicht einfach werden würde, wussten wir von Anfang an. Aber wir wollten es probieren. „Jeder Jeck ist anders“, sagt der Kölner. Wohl wahr. Und wir sagen: Jeder Schreibende auch.
Vielleicht sind wir mit unserer Patch-work-Geschichte gescheitert. Vielleicht aber auch nicht. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie haben das letzte Wort.
© Petra Urban
Petra Urban:
Elfriede Goldstein nahm den Zug um sechs Uhr fünfundvierzig. Der Gedanke, nicht umsteigen zu müssen, erleichterte sie. Immerhin trug sie einen Koffer bei sich, einen Rucksack und eine Staffelei, reiste allein und war nicht mehr ganz jung. Die Idee, an den Rhein zu fahren, verdankte sie ihrer Nichte Stefanie. Die junge Frau hatte während eines Spaziergangs so lebhaft vom Sonnenlicht in den Weinbergen gesprochen, dass Elfriede Goldstein bereits am nächsten Tag ein Zimmer in Bingen gemietet hatte. In dem kleinen Hotel waren die Übernachtungen günstig, der Mittagstisch bürgerlich und der Besitzer, ein gewisser Karl Schubart, schien ein sympathischer Mann zu sein.
Sie schaute zum Fenster hinaus und wippte mit dem Fuß. Die Obstbäume auf den Wiesen standen in rosiger Blüte und erinnerten sie an festlich gekleidete Bräute.
Vor ihrem Abteil wurde plötzlich gelärmt. Ein Mann, der abwechselnd Deutsch und Italienisch redete, riss die Tür auf, schob eine Frau und ein weinendes Mädchen herein, stieß einen Fluch aus und eilte davon, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Die Frau stampfte mit dem Fuß auf und fluchte ebenfalls. Sie entschuldigte sich für die Störung und verließ, nicht ohne das Mädchen aufzufordern, einen Knicks zu machen, das Abteil. Es dauerte nicht lange und die Tür wurde erneut geöffnet. Elfriede Goldstein stutzte. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, ein zweites Mal in die traurigen Augen des Kindes zu schauen.
"Darf ich mich zu Ihnen setzen?", fragte die junge Frau mit sanfter Stimme. Sie trug ein schlichtes blaues Baumwollkleid und schien nicht älter als dreißig Jahre alt zu sein.
"Aber bitte!" Elfriede Goldstein machte eine einladende Handbewegung.
Die Frau bedankte sich, stellte ihren Koffer, der offensichtlich schwer war, vor sich auf den Boden, wählte den Sitz neben der Tür und beruhigte das zierliche Kreuz, das an einer goldenen Kette vor ihrer Brust hin- und herpendelte. Sie atmete rasch.
Elfriede Goldstein lehnte sich in ihrem Sessel zurück und betrachtete die andere mit schief gelegtem Kopf. Im Geiste begann sie die schmale Gestalt mit den zartgliedrigen Händen zu skizzieren. Beim Anblick des Gesichtes zögerte sie einen Moment. Ähnliche Makellosigkeit kannte sie bisher nur von den Bildnissen italienischer Madonnen. Und doch, irgendetwas in diesen Zügen störte sie.
Die Frau schien den Blick ihres Gegenübers zu bemerken. Mit einer langsamen Bewegung hob sie den Kopf und schaute die Mitreisende an. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
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Jutta Ahrens:
Oder hatte sie sogar gelacht? Natürlich, ihr Hut. Elfriede Goldstein wusste, dass der Muttertagsstrauß, den sie so gerne auf dem Kopf trug, auf viele Menschen komisch wirkte.
Die junge Frau schaute zu Boden, blickte dann aber wieder hoch, etwas verlegen, wie es schien, und forderte dann das Mädchen an ihrer Seite auf, sich ordentlich hinzusetzen. Ob sie an den Rüpel dachte, der sich beim letzten Halt vor ein paar Minten so unrühmlich verabschiedet hatte, vielleicht der Vater des Kindes?
„Ich trage diesen Hut, weil ich Farben und Blumen so liebe“, begann sie das Gespräch.
„Neu ist der aber nicht mehr!“ Die helle Stimme des Kindes verkündete seine ehrliche Meinung.
Auf der Stirn der jungen Frau bildete sich plötzlich eine tiefe, steile Falte. „Julia – bitte…!“, versuchte sie, das Kind zu bremsen. Erfolglos. Das Mädchen war vom Sitz gerutscht und stand jetzt neugierig vor der fremden Frau.
Elfriede Goldstein überlegte angestrengt, welche ausweichende Antwort sie geben könnte. Sie erzählte nicht gerne von ihrer Großmutter Sarah und dem eleganten Hutgeschäft, das diese in der Großstadt geführt hatte. Der Laden war im Krieg ge-schlossen worden. Das allein war es aber nicht, was der Großmutter buchstäblich das Herz gebrochen hatte.
„Ein Geschenk ….“, begann sie zögernd.
Im selben Augenblick schrie Julia begeistert auf. Sie war auf den Platz am Fenster gesprungen, ehe die junge Frau eingreifen konnte.
„Toll – ein Leuchtturm!“ Aufgeregt zeigte sie auf den schmalen weißen Turm, der im Rhein stand. Die beiden Frauen lachten sich an, sie kannten den Binger Mäuseturm aus Erzählungen.
„Nächster Halt: Bingen Hauptbahnhof!“, klang die geschäftsmäßige Stimme aus dem Lautsprecher. Erschrocken blickte Elfriede Goldstein auf ihre Uhr. Fünf Minuten vor der planmäßigen Ankunftszeit war das Ziel erreicht. Da war sofort wieder die panische Vorstellung, es würde ihr nicht gelingen, den Zug rechtzeitig zu verlassen.
Dabei war sie schon so oft und weit gereist. Sie hatte schließlich eine über die ganze Welt verstreute Familie. Ohne ein Wort der Verabschiedung ergriff sie hektisch die Staffelei, den Rucksack, ihren Koffer und landete gerade noch sicher auf dem Bahnsteig.
„Das war knapp!“, Elfriede atmete einmal tief durch. Da setzte sich auch der Zug schon wieder in Bewegung und gab den Blick auf die gegenüber liegende Rheinseite frei. Vor Begeisterung hätte sie am liebsten sofort angefangen, das sich ihr bietende Motiv der Burgruine gegenüber zu malen.
Alle anderen Reisenden waren schon längst gegangen, als sie sich von dem Panorama lösen konnte. Mit schnellen Schritten näherte sie sich dem Bahnhofsgebäude. Eigentlich nur ein Auskunftsschalter, noch nicht einmal Zeitschriften, dachte sie belustigt, selbst in einer Kleinstadt hätte sie mehr erwartet.
„Der Bahnhofsvorplatz ist ganz neu angelegt – kein Vergleich mehr zu früher!“, hatte Stefanie ihr stolz berichtet. Ihre Nichte hatte sich offensichtlich von der modernen Skulptur sehr stark beeindrucken lassen.
Stefanie und Franziska. Franziska war das genaue Gegenteil ihrer älteren Schwester: Sachlich, zuverlässig und entschlossen. Sie wurde nur noch Franz genannt, seit sie in der Autowerkstatt in ihrer Straße eine Ausbildung begonnen hatte.
Elfriede Goldstein beschleunigte ihre Schritte und überquerte den kleinen Platz, der eigentlich nicht mehr als das Ende einer Sackgasse war. Kein Bus, kein Taxi waren zu sehen.
„Es ist ein ganz kurzer Weg – zu Fuß nicht mehr als fünf Minuten“, hatte der Hotelbesitzer gemeint.
Er hatte ihr den Weg ganz genau beschrieben: Vom Bahnhof aus nach rechts, die Straße mit den großen alten Häusern entlang – Rheinkai 21. Er hatte ihr ein Zimmer im 3. Stock mit unvergleichlicher Aussicht auf das Rheintal versprochen.
Elfriede Goldstein blickte sich erschrocken um – hier waren überhaupt keine Häuser. Weder rechts noch links gab es etwas, das irgendwie nach Stadt aussah. Ihr kam ein schrecklicher Verdacht: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.
„Morsche!“, klang plötzlich eine gut gelaunte Stimme hinter ihr. „Sind Sie etwa am falschen Bahnhof ausgestiegen? Das passiert Touristen öfter. Übrigens, haben Sie vielleicht eine Frau um die Dreißig mit Tochter gesehen? Die wollte ich nämlich abholen.“
„Ja, schon – aber die sind weitergefahren. Können Sie mir sagen, wie ich zum Rheinkai 21 komme?“
„Kein Problem, das ist mein kleines Hotel – übrigens mein Name ist Karl Schubart.“
Dass Bingen am Rhein tatsächlich zwei Bahnhöfe hatte, war nur die erste Überraschung, die Elfriede während ihres Malwochenendes erlebte.
Herr Schubart nahm ihr den Koffer aus der Hand: „Mein Auto steht dort drüben auf dem Parkplatz. Herzlich willkommen in Bingen! Die beiden, die ich eigentlich abholen wollte, können ihr Ziel vom Stadtbahnhof aus nicht verfehlen.“
Sie fuhren über die Brücke, und er spielte ein bisschen Reiseführer: Nahe, Drususbrücke, Burg Klopp, drüben die Germania. Seine ruhige, dunkle Stimme gefiel Elfriede. Sie bedauerte jetzt, dass sie nur ein paar Tage für die Stadt eingeplant hatte. Hoffentlich würde die Zeit nicht zu knapp. Wenn das Wetter so gut blieb, würde sie stundenlang malen können. Und die Gespräche mit Stefanie und Franziska hatten einen zu ernsten Anlass, um sie an einem einzigen Abend zu Ende zu bringen.
„Da sind wir! Gehen Sie ruhig schon vor. Ihr Gepäck bringe ich dann gleich“, bot Herr Schubart zuvorkommend an.
Elfriede betrat erwartungsvoll das Fachwerkhaus. Sie fühlte sich auf Anhieb wohl in der anheimelnden Atmosphäre und lächelte, als sie die Leseecke mit dem urgemütlichen Ohrensessel entdeckte.
„Was für ein Blick!“, schwärmte sie, als sie aus dem Fenster ihres Zimmers sah. Die Seilbahn zur Germania sah wie ein Spielzeug aus.
Sie schaltete das kleine Radio auf dem Nachttisch an. Ihr Lieblingslied von ABBA „Dancing Queen“ erklang. Glücklich summte Elfriede die Melodie. Sie machte ein paar Tanzschritte und sang mit. Immer lauter und lauter musste sie allerdings singen, denn der Güterzug, der direkt vor dem Hotel vorbeidonnerte, verlangte ihren Stimmbändern einiges ab.
Und plötzlich überfiel er sie wieder: Dieser stechende Schmerz in der Magengegend – Hunger.
Elfriede Goldstein betrat das geschmackvoll eingerichtete kleine Restaurant des Hotels. Auf der Schiefertafel an der Wand wurde in Kreidebuchstaben frischer Spargel angekündigt. Elfriede setzte sich an einen Ecktisch und überlegte, ob sie sich ein Glas Sekt gönnen sollte.
Da fiel ihr Blick auf die Personen, die am zugigen Tisch im Halbdunkel direkt neben der Tür saßen. Die junge Frau fühlte sich beobachtet und blickte sich um. Da fiel ein Sonnenstrahl auf ihre goldene Halskette, und ein filigranes Kreuz blitzte kurz auf.
Überrascht lächelte Elfriede Goldstein : „Was machen Sie denn hier?“
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Claudia Zwarg:
Auch die Lippen der jungen Frau verzogen sich zu einem feinen Lächeln, als sie die ältere Dame aus dem Zug wiedererkannte.
„Ich will nicht aufdringlich erscheinen, aber ... möchten Sie sich nicht zu mir setzen?“, fragte Elfriede Goldstein und deutete auf die noch freien Plätze an ihrem Tisch.
„Ich würde mich über ein bisschen Gesellschaft beim Essen freuen.“
Während die kleine Julia eifrig nickte, nahm die junge Frau die Einladung erst nach kurzem Zögern an. Bei frischem deutschen Spargel und einem Gläschen Riesling erfuhr Elfriede Goldstein, dass es sich bei Julias Begleitung, die sich als Raffaela Bruni vorstellte, nicht um die Mutter des kleinen Mädchens handelte. Die beiden Frauen plauderten angenehm über dieses und jenes und auf die Frage, ob sie einen längeren Aufenthalt in Bingen plane, erhielt Elfriede Goldstein die ausweichenden Antwort: „Ich hoffe nicht!“
Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, hielt jedoch taktvoll weitere Fragen zurück. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass, was auch immer Raffaela Bruni und die kleine Julia nach Bingen verschlagen hatte, einen ernsten Hintergrund haben musste. Auch fiel ihr auf, dass das Mädchen mehr als lustlos in seinem Essen herumstocherte und froh war, als es endlich aufstehen durfte. Das Kind tat ihr leid. Es wirkte so ernst und bedrückt für sein Alter. Sie selbst hatte zwar keine große Erfahrung mit Kindern, da sich bei ihr das Thema Mutterschaft nie ergeben hatte, aber sie konnte sich genauso gut in die Seele eines Kindes hineinversetzen wie in die eines Erwachsenen. Sie hatte, das wurde ihr immer wieder bestätigt, ein feines Gespür für die Belange ihrer Mitmenschen und ihrer Umwelt, die sich auch in ihrer großen Leidenschaft, der Malerei, oft widerspiegelte.
Ein Blick auf ihre goldene Armbanduhr bestätigte Elfriede Goldstein, dass ihr nach dem Essen noch Zeit für einen Spaziergang blieb. Das Treffen mit ihren Nichten war erst am frühen Abend angesetzt, wenn Stefanies Schulunterricht und Franziskas Arbeitszeit in der Autowerkstatt beendet war. Elfriede schüttelte den Kopf. Wie das Kind nur auf den Gedanken gekommen war, einen Männerberuf zu ergreifen. Das war ihr wirklich schleierhaft. Gleichzeitig bewunderte sie den Mut der Kleinen, die sich im Leben bestimmt würde durchsetzen können.
Gestärkt durch das gute Essen, den spritzigen Rheinwein und das nette Geplauder verabschiedete sie sich wenig später von Raffaela Bruni und Julia. Das Kind blickte ihr traurig hinterher, als sie, mit Staffelei und Rucksack bepackt, das Hotel verließ. Elfriede Goldstein kam an Bingens Touristik-Information vorbei und entdeckte ein großes Schild mit der Aufschrift: Bingen begrüßt seine Partnerstadt Nuits-Saint-Georges. Ein Reisebus mit ausländischem Kennzeichen hielt auf dem großen Parkplatz und Elfriede blieb stehen und betrachtete mit einem Schmunzeln die erwartungsvollen Gesichter der Jungen und Mädchen, die die ankommenden Gäste offenbar sehnsüchtig erwarteten. Französische Wortfetzen prallten auf deutsche, als die Neuankömmlinge endlich den Bus verließen, ihre Gastgeber beschnupperten und schließlich mit ihren Gastfamilien davonfuhren. Es ist noch immer genauso spannend wie zu meiner Zeit, dachte Elfriede und fühlte sich an ihren eigenen Schüleraustausch vor mehr als vierzig Jahren erinnert. Noch heute hatte sie Kontakt zu ihrer französischen Austauschmutter, die sie seit vielen Jahren in unregelmäßigen Abständen besuchte.
Gut gelaunt ging sie weiter und lächelte, als sie den Stadtbahnhof erblickte, das eigentliche Reiseziel ihrer Zugfahrt. Hauptbahnhof, Stadtbahnhof, etwas verwirrend erschien ihr das alles schon. Vor dem Bahnhofsgelände bewunderte sie eine inmitten zweier Straßen gelegene und mit zahlreichen blühenden Blumen bepflanzte Oase. Zwei junge Mütter saßen im Schatten einer Eiche mit ihren Kinderwagen und sahen einem kleinen Jungen und einem Mädchen dabei zu, wie sie sich mit den Strahlen eines Wasserspeiers amüsierten. Die Kinder wirkten ausgelassen, ganz anders als die kleine ernste Julia, die sie heute im Zug kennen gelernt hatte.
Um an ihr eigentliches Ziel, den Rhein, zu gelangen, passierte Elfriede die Unterführung am Bahnhof und gelangte so zur anderen Seite der Bahnlinie, die den Stadtkern vom Rheinufer trennt. Endlich auf der anderen Seite angekommen, erwartete sie eine Überraschung...
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Angelika Knipfer:
„Hey, alte Dame – wie geht es dir? Alles in feuchten Tüchern?“
„Franz, Liebes, welch eine Überraschung. Ich dachte, wir treffen uns erst heute Abend.“
Da stand sie nun. Die Franziska mit ihren dunkelbraunen Locken.
Sie sieht aus wie Sarah, dachte Elfriede und sah die wenigen Fotos, welche die Familie durch die schlimme Zeit hatte retten können, vor sich. Sie liebte besonders das Bild, das wohl in den späten Zwanziger Jahren aufgenommen worden war. Sarah in einem aufregend schwarzen Fransenkleid, mit langer Perlenkette und einer Zigarettenspitze in der Hand. Sarah hat nie geraucht in ihrem Leben – geraucht nicht – aber einen guten Tropfen Wein hat sie gemocht oder ein Gläschen Sekt am Vormittag. „Das ist Kreislauf-Medizin,“ soll sie gesagt haben. Die Zigarettenspitze war seinerzeit einfach chic gewesen – chic wie der flotte Bubikopf und die langen schwarzen falschen Wimpern.
Sarah war für die damalige Zeit eine sehr emanzipierte Frau gewesen. Sie reiste allein, es gab ein Foto, das sie auf einer Safari in Afrika zeigte. Sarah hatte Jura studiert, dann aber, in der Zeit der großen Depression, das elterliche Hutgeschäft übernehmen müssen, um den Haushalt und die Kinder hatte sie sich wenig gekümmert. Eine starke Frau, offenbar zu stark für Großvater Siegfried, der sie noch Anfang der Dreißiger verlassen hat. Das Geschäft hatte sie erfolgreich geführt. Aber was hatte ihr das genutzt? Die Geschichte hatte Sarah ein anderes Schicksal verordnet.
Leider kannte Elfriede Sarah nur durch die lebhaften Erzählungen ihrer Mutter, die immer wieder die kleine Blechschachtel mit den vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos herausgeholt und die Familiengeschichte erzählt hatte - besonders aber das Schicksal von Sarah.
Und da stand sie nun – die Franz. Fesch sieht sie aus. Enge schwarze Jeans. Darüber ein beigefarbiges Polo-Shirt und eine Lederjacke. Unglaublich, dass so eine fesche junge Frau in einer Autowerkstatt arbeitet.
Da stand sie nun mit zwei Fahrrädern. „Na, Tantchen, ich hab mich ein bisschen beeilt. Aber wie ich dich kenne, bist du noch fit genug, die alten Knochen auf einen Drahtesel zu schwingen.“
Elfriede drückte ihre Nichte an sich. „Kind, du sollst doch nicht immer Tantchen sagen. Ich fühle mich dann gleich so alt!“
„O.k.! Gemacht! Schön, dass du uns endlich in unserem schönen Bingen besuchst, Friedchen. Ich hab gedacht, wir könnten heute eine kleine Fahrradtour machen. Ich möchte dir das Gelände unserer Landesgartenschau vom vergangenen Jahr zeigen.“
Elfriede strahlte ihre Nichte an. Sie liebte es, mit dem Rad zu fahren. Früh morgens mit Sack und Pack loszuradeln und da anzuhalten, wo sie ein Motiv für ihre Malerei entdeckte.
„Franz, das ist aber eine Überraschung. Aber, ist das Fahrradfahren denn auf dem Parkgelände erlaubt?“
Franziska prüfte nochmals den Reifendruck an den Fahrrädern und half dann, die Staffelei und den Rucksack von Elfriede auf dem Fahrrad zu befestigen.
„Das ist richtig, Friedchen, in der Hindenburganlage und in dem Park am Mäuseturm müssen wir unsere Fahrräder schieben – später dann fahren wir eine Strecke am Rhein entlang. Wir kommen da durch ein fast unberührtes, urwaldähnliches Gebiet, danach gibt es eine Strecke fast direkt am Wasser. Kleine versteckte Strände sind zu sehen und du kannst reichlich Wildvögel beobachten. Lass dich überraschen.“
Elfriede bedauerte es sehr, dass sie die Gartenausstellung nicht hatte besuchen können. Jeder, der da gewesen war, hatte von der Blütenpracht geschwärmt, den wunderschön angelegten Spazierwegen, der Blumenhalle und den vielen Veranstaltungen. Es war die Zeit gewesen, in der sie ihre hochbetagte, todkranke Mutter gepflegt hatte. Ach ja, sie vermisste ihre Mutter. Und das Geheimnis, das sie jetzt mit sich herum trug, lastete auf ihrer Seele. „Ist denn von der Blütenpracht überhaupt noch etwas zu sehen?“, fragte sie, als sie am Zaun der Anlage entlang radelten.
Franziska zeigte in Richtung Rhein. „Es ist immer noch wunderschön auf dem Gelände. Die Blütenpracht, die Baumallee...“
„ ….und die Weinstube am Ufer, von der du immer so geschwärmt hast“, ergänzte Elfriede.
„Die kommt später, Friedchen, später. Jetzt wird erst einmal geradelt.“
Sie hielten am alten Kran, einem extra für die Gartenschau restaurierten historischen Gebäude. Dort gab es einen Eingang in den Park.
„Schau, Friedchen, ist das nicht toll geworden. Sieht doch aus wie eine alte Hafenanlage.“
Sie schoben die Fahrräder bis zum Ufer und genossen den Blick nach Rüdesheim hinüber.
„So“, sagte Franziska, „und jetzt möchte ich dir jemanden vorstellen, der quasi zur Familie gehört. Das ist …...“
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Bernadette Heim:
„Das ist Tonio. Oder besser Antonio“, stellte Franziska den Mann vor, der sich soeben zu ihnen gesellte. Elfriede war ungehalten über die Störung. Sie hatte sich so auf den ungestörten Augenblick mit Franz gefreut, auch wenn er eher zufällig zustande gekommen war. Sie wollte keinen Störenfried. Ungehalten, aber dennoch bemüht, nicht unfreundlich zu wirken, blickte sie auf.
Das gibt es doch gar nicht, dachte Elfriede, das ist doch der ungehobelte Klotz aus dem Bahnabteil. Kann es sein, dass mich dieser Mensch hierher verfolgt hat? Er schien sie allerdings nicht zu erkennen. Wie auch, bei dem Auftritt, den er beim Einstieg hingelegt hatte. Er war ja viel zu sehr mit seiner Wut beschäftigt gewesen, als dass er ein Auge für die Mitreisenden seiner Schutzbefohlenen hätte haben können.
Ihrer guten Kinderstube folgend, ergriff Elfriede dennoch seine ausgestreckte Hand. „Elfriede Goldstein“, stellte sie sich vor, da Franziska keine Anstalten machte, der Etikette Genüge zu tun.
Franziska schaute sie durchdringend an. „Irgendwas nicht in Ordnung, Tantchen?“, fragte sie.
Elfriede schüttelte den Kopf.
„Also, das ist Tonio“, wiederholte Franz nun etwas burschikoser. Sie sprach hastig, um die entstandene Stille zu überbrücken. „Tonio hat lange in derselben Autowerkstatt gearbeitet, in der ich jetzt arbeitete, Tonio und der Meister hatten Zoff, deshalb ist Tonio auch gegangen. Jetzt aber ist er zurückgekommen. Wir beide wollen uns zusammen selbständig machen. Wir wären das ideale Werkstatt-Team. Dazu braucht es Geld, Geld, das wir nicht haben, Tantchen.“ Für einen Moment schwieg Franziska und schaute ihrer Tante in die Augen.
Elfriede hatte zwar gehört, was ihre Nichte ihr da so aufgeregt erzählt hatte, aber es interessierte sie im Augenblick nicht. Deshalb antwortete sie: „Wir wollten uns doch heute Abend mit deiner Schwester treffen, um über solche Angelegenheiten zu sprechen. So etwas bespricht man nicht zwischen Tür und Angel.“
Dieser Tonio gefiel ihr nicht. Er hatte schon im Zug ihr Missfallen erregt. Die Art, wie er Julia und Raffaela behandelte hatte, und die Tatsache, dass er jetzt hier vor ihr stand, zusammen mit ihrer Nichte, das gefiel ihr gar nicht. Es gibt keine Zufälle im Leben, diese Lektion hatte ihr das Leben erteilt. Was also, fragte sich Elfriede, was also hat das alles zu bedeuten? Noch während sie darüber nachdachte, wie sie mit der Situation umgehen sollte, erschien das nächste Problem auf der Bildfläche. Ausgerechnet, dachte sie. Raffaela und Julia kamen vom Spielplatz herüber. Raffaela erstarrte, als sie das Grüppchen erblickte und nahm Julia bei der Hand. Doch das Mädchen riss sich los und rannte davon.
Elfriede ließ Fahrrad, Staffelei und Tasche fallen und eilte, so schnell sie eben konnte, dem Kind hinterher. Auch Raffaela war losgelaufen. „Warte doch, Julia!“, rief sie und hatte das Mädchen nach wenigen Schritten eingeholt. Julia gebärdete sich wie wild. Raffaela redete beruhigend auf sie ein, zog sie weiter und verschwand schließlich mit ihr hinter einer Hecke.
Elfriede war die ganze Situation plötzlich peinlich, obwohl sie gar nichts dafür konnte. Sie ging hinterher. Wollte erklären, was sie selbst nicht zu erklären vermochte.
Raffaela schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht reden“, sagte sie und ging mit der weinenden Julia davon.
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Anne Lahr:
Bedrückt ging Elfriede zurück zu Franz und Tonio. Immer noch war es ihr ein Rätsel, was diese seltsame Situation zu bedeuten hatte. Mit stummem Blick musterte sie Tonio, der aber schaute an ihr vorbei, als betreffe ihn das alles nicht.
“Sag mal, Friedchen, warum interessieren dich die fremde Frau und das Kind?“, fragte Franz, „kennst du die beiden?“
„Wir haben im selben Zugabteil gesessen und uns dann zufällig im Hotel wieder getroffen“, antwortete Elfriede. Während sie sprach, ließ sie Tonio nicht aus den Augen und bemerkte ein kurzes erschrecktes Aufflackern in seinem dunkelbraunen Blick. „Aber wir wollten doch über das Gartenschaugelände bummeln und am Rhein radeln“, fuhr sie fort. „Darauf habe ich mich so sehr gefreut.“
„Dann nichts wie los!“, meinte Franz.
Tonio nahm sie zur Seite und flüsterte ihr etwas ins Ohr, rief laut „ Ciao!“ und verschwand in Richtung Hafen.
„Was war denn das?“, fragte Elfriede und zog die Stirn in Falten.
„Er muss noch einen Auftrag erledigen“, sagte Franz und wirkte plötzlich verlegen, „das hat er wohl vergessen.“ Sie lächelte. „Aber lass uns losgehen, es gibt so viel zu sehen.“
Elfriede nickte. Sie wollte unbedingt die Partnerschaftsgärten sehen, von denen Franz und Stefanie soviel erzählt hatten.
Es dauerte nicht lange, und sie erreichten den Garten von Prizren, der düster wirkte wie die Situation in der Stadt dort.
„Die violetten Kugeln im Burgundgarten symbolisieren die Trauben“, erklärt Franz, „und die Rosen im Hitchingarten stammen aus England. Eine Binger Gruppe, die zu Besuch dort war, hat sie im Frühsommer 2007 mitgebracht.“
Als sie am Spielplatz vorbeigingen, warf Elfriede einen verstohlenen Blick zu den Bänken hinüber, wo Raffaela saß und die immer noch weinende Julia in den Armen hielt. Eine Bewegung in den Büschen ließ Elfriede genauer hinschauen. Ja, tatsächlich, es war Tonio, der sich dort in den Büschen versteckte. Seltsam, dachte sie und schüttelte unmerklich den Kopf. Was hatte das nur zu bedeuten? Der Mann wurde ihr immer unheimlicher.
Zum Glück hatte Franz nichts bemerkt, sie beobachtete interessiert das Anlegemanöver des Ausflugschiffes Rhenus.
Langsam schoben sie ihre Räder nun zum Hildegarten und bewunderten die Kräuterbeete.
Am neu gestalteten Rhein-Nahe-Eck legten sie eine Pause ein, setzen sich auf die Treppenstufen und genossen den herrlichen Blick auf den Strom, die Schiffe, den Mäuseturm und die Ruine Ehrenfels. In Gedanken sah Elfriede sich mit ihrer Staffelei hier stehen, um diesen herrlichen Ausblick ins Mittelrheintal endlich einmal auf die Leinwand zu bannen.
Auch im Park am Mäuseturm gab es viel zu sehen. Franz erzählte vom Tunneltheater, dem Garten der Sehnsucht, wo sonntags die Gottesdienste stattgefunden hatten, und von der großen Bühne mit den vielen Veranstaltungen, die Tausende Schaulustige in den Park gelockt hatten.
Vergnügt schwätzend verließen sie das Gelände, schwangen sich draußen auf die Räder und radelten los. Nach kurzer Fahrt erreichten sie den ehemaligen Leinpfad, der direkt am Fluss entlang führt.
Kurz vor Trechtingshausen, am kleinen Radlerparkplatz, schlug Elfriede eine Pause vor, sie war das Radfahren nicht mehr gewohnt und ihre Knie schmerzten.
„Hier noch nicht! Lass uns bitte zu meinem Lieblingsplatz fahren“, bat Franz. „Es ist nicht mehr weit“.
An einem kleinen Sandstrand in der Nähe stellten sie die Räder ab und setzten sich in den Sand.
Zu dieser Stunde war der Strand menschenleer. Franz warf einen Stein ins Wasser und begann von ihren Plänen zu erzählen.
„Die Arbeit in der Werkstatt gefällt mir gut. Ende August ist die Prüfung, die ich sicher bestehen werde. Aber Tonio hat sich mit dem Chef überworfen, die beiden können nicht zusammen arbeiten. Es ist schon lange unser Traum, eine eigene Werkstatt zu haben. Nun hat Tonio eine alte Halle entdeckt, draußen in Büdesheim, die könnten wir mieten. Aber wir brauchen Geld, viel Geld, um unsere Pläne in die Tat umsetzen zu können.“ Sie schaute ihre Tante an und seufzte.
Elfriede nickte wie in Zeitlupe. In Sekundenschnelle gingen ihr jede Menge Gedanken durch den Kopf. Gleichzeitig überkam sie ein ungutes Gefühl. Sie konnte es sich nicht so recht erklären, aber sie wusste, es hatte mit diesem Tonio zu tun.
Was war das für ein Mensch?
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Jutta Gresch:
„Darf ich dich etwas fragen, Franziska?“ Franz horchte ob des ernsten Tonfalls ihrer Tante auf und nickte. „Deine Beziehung zu diesem Tonio ist nicht nur geschäftlicher Natur oder?“ Franziska errötete. „Ja, weißt du, Friedchen, hm, also, wie soll ich sagen …“, druckste sie herum. Sichtlich erleichtert horchte sie plötzlich auf und lief zu ihrem Fahrrad. Das Telefon in ihrer Satteltasche hatte geklingelt. Das heißt, eigentlich hupte es. Elfriede lächelte. Welchen Klingelton hätte man auch anders bei einer angehenden Automechanikerin erwarten können?
„Hi, Steff!“, rief Franziska fröhlich ins Telefon. Erschrocken schaute Elfriede auf ihre Uhr und sprang auf. Jetzt hatte sie doch fast ihre Verabredung mit Stefanie vergessen. Bei dem Gedanken an das bevorstehende Gespräch wurde Elfriede flau im Magen. Hoffentlich würden die Mädchen die Wahrheit über ihren Vater, die sie ihnen ja nun irgendwie beibringen musste, nicht zu schwer nehmen. „Eine schöne Aufgabe, die du mir da aufgebürdet hast, Mutter!“, murmelte sie, wandte ihren Blick zum Himmel und konnte sich einen kleinen Seufzer nicht verkneifen.
„Was ist los, Friedchen?“, erkundigte sich Franz, die ihr Telefonat inzwischen beendet hatte. „Ach, ich dachte nur an den Rückweg. Jetzt müssen wir ein bisschen schneller strampeln, oder?“ Franziska grinste. „Kein Problem, Tante. Ich habe Stefanie gesagt, dass wir etwas später kommen werden. Wir treffen uns in der Weinstube am Rheinufer, diesem hübschen Pavillon, den ich dir vorhin gezeigt habe.“
Die beiden Frauen schwangen sich auf ihre Drahtesel und radelten los. Und ehe sie sich versahen, waren sie schon wieder auf der Höhe des Mäuseturms angekommen. Was sitzt denn da?, dachte Elfriede. Als sie näher kamen, erkannte sie eine große, dickbauchige graue Maus zwischen den Zinnen des Turms. „Was macht die Maus dort?“, fragte sie. „Diese lustigen Gesellen sind letztes Jahr mit der Gartenschau in die Stadt gekommen“, erklärte Franz und erzählte von den Binger Mäusen, die, in Erinnerung an die berühmte Mäuseturm-Legende, von den Bingern adoptiert und mit bunten Farben zum Leben erweckt worden waren. „Nun findet man die Mäuse in ganz Bingen und in den Vororten“, sagte sie. Die Idee gefiel Elfriede. Und sofort überlegte sie, wie sie wohl ihre Maus bemalt hätte.
Dunkles Donnergrollen riss Elfriede Goldstein aus ihren Gedanken. Sie schaute hinauf und war erstaunt, wie schnell sich der Himmel verändert hatte. Schwarze Wolken hingen bedrohlich über dem Binger Loch. „Auweia, jetzt müssen wir uns doch beeilen“, rief Franz. „Gewitter, die aus dieser Richtung heranziehen, haben es meist in sich!“ Sie traten fest in die Pedale und waren auch schon bald vor dem kleinen Hotel am Rheinkai angekommen. Noch während sich Elfriede von ihrer Nichte verabschiedete, platschten die ersten dicken Regentropfen auf den Boden. „Wir sehen uns in einer halben Stunde in der Weinstube“, rief sie über die Schulter und lief schnellen Schrittes in ihr Quartier.
Durch das Gewitter war die Dämmerung rasch hereingebrochen. Hier wird gespart, dachte Elfriede schmunzelnd, als sie die dunkle Hotelhalle betrat. Doch nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, verging ihr das Lachen schlagartig. An der Rezeption standen Raffaela Bruni und Karl Schubart. Während der Hotelbesitzer beruhigend den Arm der jungen Frau tätschelte, redete diese aufgeregt und wild gestikulierend auf ihn ein.
Elfriede schaute sich nach der kleinen Julia um, konnte sie aber nirgends entdecken. Mit einer schrecklichen Ahnung trat sie zu den beiden an die Rezeption. „Entschuldigung, kann ich irgendwie helfen?“
Erst jetzt sah sie, dass Tränen über Raffaelas Wangen liefen „Julia ist weg!“, platzte es aus Karl Schubart heraus. „Wie, weg?“, fragte Elfriede ungläubig. Schluchzend berichtete Raffaela Bruni, wie sie sich nach dem unglücklichen Treffen am Rhein auf den Weg zurück zum Hotel gemacht hatten, als plötzlich Antonio aus dem Gebüsch hervorgetreten war. Erschrocken war die kleine Julia davongerannt, während Antonio Raffaela festgehalten hatte, um mit ihr zu reden. Bis sie sich hatte losmachen können, war die Kleine schon außer Sichtweite gewesen. Verzweifelt war Raffaela seitdem auf der Suche nach ihr. In der zwar kleinen, für sie aber fremden Stadt waren ihr bald die Ideen ausgegangen, wo das Mädchen sein könnte. „Jetzt ist sie schon seit Stunden verschwunden“, weinte Raffaela. „Und die Kleine kennt sich hier doch gar nicht aus. Bestimmt findet sie den Weg zum Hotel nicht alleine. Und jetzt wird es auch noch dunkel und beginnt zu regnen!“
„Sie müssen die Polizei alarmieren“, riet Elfriede entschlossen. „Nein, bitte, keine Polizei“, erwiderte Raffaela erschrocken. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag wusste Elfriede nicht, was sie denken sollte. Aber jetzt war nicht die Zeit für lange Überlegungen. „Gut, dann helfe ich Ihnen bei der Suche. Und meine beiden Nichten auch. Die kennen sich hier aus.“
Elfriede bat Karl Schubart um ein Telefon und wählte Franziskas Nummer.
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Anette Degott:
Sie lauschte in das Telefon hinein, als wolle sie dort von Julias Aufenthaltsort hören. Aber nur das träge Tüüt-Tüüt des Durchwahltons antwortete ihr.
Sie sah, wie Raffaela aufgeregt gestikulierend hinauslief. Herr Schubart folgte ihr. Das bedeutete nichts Gutes. Sie würden ihr schon sagen, wenn sie gute Nachrichten hätten. Ach, wie sehr wünschte sie sich, das kleine Mädchen vor sich zu sehen, hörte noch seine aufgeregte Stimme, als es den Binger Mäuseturm erblickt hatte.
Nur warum wollte diese reizende junge Frau nicht die Hilfe der Polizei? Was hatte sie zu befürchten? Was war nur los – mit ihr, Julia und diesem Tonio? Elfriede beruhigte sich, Raffaela hatte bestimmt gute Gründe; und jetzt erst das Kind wieder haben, dann wird sich alles Weitere finden. Dann musste sie auch in die Weinstube, um mit ihren Nichten zu sprechen.
Tüüt-tüüt. Franz ging nicht ran. Elfriedes Gedanken überstürzten sich: Wo hatte sich das kleine Mädchen nur hinflüchten können? Und warum hatte sie solche Angst vor diesem Tonio? Und – sollte sie Franziska überhaupt fragen? Franz war allzu sehr mit sich und ihren Plänen für die Autowerkstatt beschäftigt. Und sie erwartete sich von diesem Mann auch noch sichtlich mehr als nur die Teilhaberschaft. Hinter Franziskas burschikoser Art verbarg sich eine empfindliche Seele, das spürte sie genau. Auch wenn sie ihre Nichten nur selten sah, verband sie doch eine tiefe Vertrautheit. Sie waren sich ähnlich, ohne dass man darüber sprach. Wie alle in der Familie sagte man nicht, was man wirklich fühlte, wollte andere nicht mit Problemen belästigen. Man machte die Dinge, die einen betrafen, mit sich aus. Elfriede seufzte. Wäre es nur anders gewesen! Hätten sie nur gesprochen, der Vater mit seinen Töchtern, die Großeltern mit den Söhnen! So war diese Familie wie eine Welt hinter Schleiern, hinter denen sich manches Geheimnis verbarg.
Und sie sollte hier in Bingen einen der Schleier lüften, ausgerechnet sie. Nie wollte sie sich einmischen, nie wollte sie mehr wissen, als sie ahnte. Und nun dieser Auftrag ihrer Mutter. „Danke. Das hast du gut gemacht, Mutter. So hast du mir die Pflege gedankt“, murmelte sie. Obwohl sie ihre Mutter über alles geliebt hatte, stieg jetzt Wut in ihr auf und eine gewisse Hilflosigkeit machte sich in ihr breit.
Egal - jetzt musste sie sich erst einmal um das kleine Mädchen kümmern, Aber dann - dann musste sie mit den beiden Schwestern sprechen, dann musste sie den Schleier heben.
Vielleicht war das auch gut so, vielleicht würden sie dann endlich in dieser Familie zum Reden kommen. Endlich würden sie all die Geschichten, die man da und dort gehört hatte, wie Puzzlesteine zusammenschieben, um dann die große Erzählung ihrer Vergangenheit wie eine Landkarte vor sich auszubreiten. Dieser Gedanke machte Elfriede seltsam glücklich. Dann würde auch sie vielleicht freier sein, sie würde freier malen und sich treiben lassen können, wie auf einem großen Fluss, wie hier in Bingen.
Mein Gott, wo liefen ihre Gedanken nur hin? Sie brauchte Franz; sie brauchte Ideen, wo sie Julia suchen könnte.
Tüüt-Tüüt. Warum antwortete sie nicht? Würde Stefanie helfen können? Sie wählte deren Nummer. Stefanie war das genaue Gegenteil von Franz, sensibel und zurückhaltend in ihrem Auftreten. Stefanie könnte zuhören, könnte verzeihen, wenn sie das Geheimnis des Vaters preisgab, aber Franz?
Sie würde...
Herr Schubart kam zurück und auf sie zu. “Haben Sie keine Verbindung? Probieren Sie doch die mobilen Verbindungen. Die jungen Leute machen ja auch nichts anderes.“ Sie suchte sofort Steffis mobile Nummer und war beschämt, kam sich vor wie eine von vorgestern, ein Fossil. Dass sie nicht gleich daran gedacht hatte. Sie hatte keines dieser Dinger, brauchte sie auch nicht. Sie lebte allein seit Mutters Tod. Sie musste mit niemand absprechen, was sie wie machte, wann sie wo ankam. Es wartete sowieso niemand auf sie. Hämisch dachte sie: „Ich muss aber auch nicht im Supermarkt fragen, welchen Joghurt ich kaufen soll.“ Das ging ihr vielleicht auf die Nerven, dieses ständige Gequatsche im Bus, beim Einkaufen, in der Warteschlange in der Bank, immer und überall reden sie miteinander. Sie reden und reden. Ob sie auch noch über Wesentliches reden konnten?
Sie spürte, dass Karl Schubart sie anschaute. Erneut hatte sie das Gefühl, dass dieser Mann immer wusste, was zu tun war, dass er immer zur rechten Zeit an der rechten Stelle war, wie vorhin am Bahnhof. Das gefiel ihr. Er berührte sie leicht am Arm, als wolle er sie trösten, ihr sagen, dass alles gut wird. Stattdessen hörte sie ihn sagen: “Ich habe übrigens meine Ruderfreunde verständigt. Die suchen bereits in den Rheinanlagen nach dem Kind. Ich vermute ja, dass es sich auf dem Spielplatz versteckt hat, auf der Binger Seite natürlich.“ Er lachte, als hätte er einen Witz gemacht. Wahrscheinlich war dies auf die kleine Rivalität zwischen Bingen und Bingerbrück gemünzt, von der ihr Franz vorher erzählt hatte, als sie auf dem Gartenschaugelände die Nahe überquerten, den Fluss, der beide Stadtteile eher trennte denn verband..
Doch ob Julia dort zu finden war? Dann hätten die Ruderer sich schon gemeldet. In dieser Situation waren Handys wirklich nützlich. Und sie musste endlich eine der Nichten erreichen. Sie tippte Steffis mobile Nummer ein. Dabei überfiel sie ein ungutes Gefühl: Vielleicht wird Franz von Raffaela verdächtigt? Schließlich hat sie sie zusammen mit Tonio gesehen. Vielleicht bin sogar ich ihr verdächtig?
Aber egal – nun ging es um Julia. Draußen war es inzwischen dunkel geworden, das arme Kind, allein in der fremden Stadt. Am Ende ist sie in den Rhein gefallen. Elfriede krampfte sich der Magen zusammen. Das Gesicht des Kindes mit den großen Augen schien sie anklagend anzuschauen.
Tüüt – tüüt – wahrscheinlich ist sie schon auf dem Weg zur Weinstube. Das flaue Gefühl stellte sich wieder ein. Sie hatte Angst vor dem Gespräch wie vor einer Prüfung. Es bedeutete ja auch alles oder nichts. Alles hing von ihr ab, von ihren Worten, ihrer Stimme, die bei all dem Schrecklichen auch etwas Zuversicht vermitteln wollte.
Endlich hörte sie das Knacken in der Leitung und Steffis klare Stimme: „Hallo? Wer ist da?“
“Ich bin´ s, Elfriede. Steffi, auch wenn ihr möglicherweise schon wartet - hier ist ein Notfall: wir suchen ein kleines Mädchen, das in den Rheinanlagen weggelaufen ist. Hast du eine Idee, wo sie sein könnte?“
In diesem Moment kam Raffaela hereingerannt und rief:
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Kirsten Jacob:
"Schnell, schnell, kommen Sie, ich habe gerade einen Notarztwagen gehört. Gibt es hier ein Krankenhaus, in das wir fahren und uns erkundigen können, ob ein kleines Mädchen eingeliefert wurde?"
Herr Schubart zögerte keine Sekunde und bedeutete den Damen, vor der Tür des Hotels auf ihn zu warten. Mittlerweile hatte das Gewitter an Stärke zugenommen und die Donnerschläge entluden sich mit voller Wucht, so dass die beiden Frauen unter dem gläsernen Vordach zusammenzuckten. Der Regen peitschte auf das Dach und endlich näherte sich langsam ein blauer Mittelklassewagen und Herr Schubart gab den Damen ein Zeichen, dass sie schleunigst einsteigen sollten. Eigentlich fuhr er nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gern mit dem Auto, da er sich nicht mehr so sicher fühlte wie früher, nicht mehr so gut sah und reagierte. Aber schon als Kind war er ein begeisterter Pfadfinder gewesen, und später war er immer in der Gastronomie tätig, so dass es für ihn keine Frage war, anderen zu helfen, so auch am heutigen Abend in dieser Ausnahmesituation.
Nachdem alle im Auto Platz genommen hatten, kämpfte Herr Schubart sich durch das Unwetter Richtung Krankenhaus.
Die Scheibenwischer kamen kaum mehr nach, doch schon nach wenigen Metern sah man das hell erleuchtete Klinikgebäude inmitten der Stadt.
Direkt davor fanden sie einen freien Parkplatz und liefen, soweit es ihre Kräfte zuließen, durch den strömenden Regen in die Eingangshalle. Raffaela stützte Elfriede und keuchend erreichten sie den Empfang. Gerade als sie die Dame hinter der Glasscheibe fragen wollten, hörte man von draußen die Sirene eines Rettungswagens. Die Türen der Ambulanz wurden aufgerissen und zwei Sanitäter schoben eine Trage herein, auf der man einen kleinen Körper erkennen konnte. Raffaela eilte zu der Trage und blickte in rotgeweinte Kinderaugen, dann erst weinte auch sie los. Das Kind konnte nicht sprechen, es war in einem Schockzustand und wurde sofort zur Untersuchung weggebracht.
Herr Schubart, Elfriede und Raffaela nahmen im Wartezimmer Platz und konnten sich kaum mehr beruhigen.
Was war passiert? Wo hatte man die Kleine gefunden? Diese Fragen standen im Raum und wurden ihnen nach einer halben Stunde Wartezeit, die ihnen allerdings wie eine Ewigkeit vorkam, von dem diensthabenden Arzt beantwortet.
Das Mädchen war an einem Spielplatz an der Nahe gefunden worden, es hatte äußere Verletzungen und blutete stark.
Ein Rentner, der mit seinem Hund spazieren war, war von dem Unwetter überrascht worden, und hatte, als er eine Abkürzung über den Spielplatz nehmen wollte, das am Boden liegende Mädchen entdeckt und sofort mit seinem Handy den Notarzt verständigt.
Der Arzt erklärte ihnen, dass Julia im Krankenhaus bleiben müsse, und wollte wissen, woher die alten Verletzungen und Knochenbrüche stammten, die auf dem Röntgenbild festgestellt worden waren.
Raffaela errötete und senkte den Kopf. "Ich weiß davon nichts", sagte sie, sprang auf und teilte dem Arzt mit, dass sie morgen am Vormittag vorbeikommen würde, bevor sie eilig das Wartezimmer verließ und verschwand. Elfriede und Herr Schubart schauten verdutzt, verabschiedeten sich vom Arzt und gingen - der Regen hatte nachgelassen - langsam zum Auto zurück. Bis zum Hotel schwiegen sie nachdenklich.
Elfriede hatte keine Kraft mehr, um sich mit ihren Nichten zu treffen, und nahm dankbar Herrn Schubarts Angebot an, mit ihm eine kleine Nachtmahlzeit einzunehmen. "Zuerst aber muss ich noch Stefanie anrufen, dann komme ich zu Ihnen", sagte sie leise.
Im Eingangsbereich ging sie zu dem Telefon und wählte Stefanies Handynummer. Deren Stimmung war inzwischen auf dem Tiefpunkt angelangt, da sie die ganze Zeit auf eine Nachricht von Elfriede gewartet hatte. Doch nachdem diese ihr erklärt hatte, was in der Zwischenzeit vorgefallen war, verabredeten sie sich zum Frühstück am darauffolgenden Tag bei Franziska, die sich freigenommen hatte. Endlich sollten alle Fragen beantwortet werden, und auch sonst gab es bei einigen Themen noch Klärungsbedarf.
Elfriede hatte kein gutes Gefühl dabei, doch nun wollte sie den anstrengenden Tag in Ruhe ausklingen lassen.
Herr Schubart hatte für beide einen schönen Abendbrotteller gerichtet mit verschiedenen Wurst- und Käsesorten, der Tellerrand war mit Paprika und Tomatenscheiben verziert.
Dazu servierte er einen passenden Weißwein aus Rheinhessen.
Elfriede war gerührt und bedankte sich vielmals für die Mühe. "Dafür lasse ich allerdings das Frühstück bei Ihnen morgen früh ausfallen", sagte sie zwischen zwei Bissen. Als Herr Schubart überrascht schaute, berichtete sie ihm von der Einladung zum Frühstück bei Franziska. Als die alte Standuhr im Flur zwölfmal schlug, gähnte Elfriede und verabschiedete sich, um endlich nach dem aufregenden und anstrengenden Tag zu Bett zu gehen.
Doch lange kam sie nicht zur Ruhe. Zu viele Gedanken beschäftigten sie, und erst in den frühen Morgenstunden fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Geweckt wurde sie von einem lauten Schiffstuten, das vom Rhein her klang. Sie schaute aus dem Fenster. Nach dem Gewitter vom Abend war die Luft herrlich rein und der Ausblick auf den Rhein bei strahlendem Sonnenschein unbeschreiblich. "Was für ein schöner Tag zum Malen", dachte Elfriede, doch da erinnerte sie sich an die Verabredung mit Franz und Stefanie.
Schnell sprang sie unter die Dusche, zog sich dann eine helle, leichte Sommerhose und eine dazu farblich passende Bluse an, nahm sicherheitshalber noch die dunkle Strickjacke und dann auch ihre Handtasche noch unter den Arm. Vom Zimmer aus rief sie sich ein Taxi, das sofort da wäre, wie ihr versichert wurde.
Fast schon überschwänglich nahm sie die Holztreppe, die ins Foyer führte, und traf dort Herrn Schubart am Tresen an, der sie fröhlich begrüßte, einen schönen Tag und ein gutes Frühstück wünschte, nicht ohne hinter ihr herzurufen, dass seines das beste weit und breit wäre.
Mit einem Schmunzeln im Gesicht trat Elfriede vor die Tür, da bog auch schon das Taxi um die Ecke. Sie nannte die Adresse in Büdesheim, und wollte sich gerade zurücklehnen, da fragte der leicht mürrisch dreinblickende Fahrer: „Rüdesheim oder Büdesheim?“ „Das Letztere“, antwortete Elfriede in freundlichem Ton. Danach schaute sie interessiert aus dem Fenster und bestaunte die Geschäftigkeit, die schon am frühen Morgen in Bingen zu spüren war.
Vor allem die Schulkinder, die mit ihren viel zu schweren Ranzen, fröhlich miteinander ins Gespräch vertieft, die Straße überquerten, hatten es ihr angetan.
"Sie alle haben das Leben vor sich, aber was erwartet mich noch?" Diesen Gedanken schob sie schnell beiseite und war überrascht, als der Taxifahrer von der Straße nach links in einen kleinen Feldweg abbog und nach ein paar hundert Metern vor einem großen Holzhaus anhielt.
"Hier wohnt also Franz", dachte Elfriede und wurde in ihrem Gedankengang durch lautes Hundegebell unterbrochen. Schnell bezahlte sie den geforderten Betrag und ein kleines Trinkgeld, dann stieg sie aus. Der Garten war komplett eingezäunt, worüber Elfriede dankbar war, denn plötzlich kamen noch drei große, schwarze Hunde neugierig herbei-gelaufen. Ein Pfiff ertönte, die Hunde verstummten und Franz kam gut gelaunt den Gartenweg entlang, öffnete das Tor und begrüßte überschwänglich ihre Tante. "Guten Morgen, Franziska, du wohnst ja idyllisch hier, mit Blick auf den Rochusberg. Natur pur und dann noch die vielen schönen Hunde", sag-te Elfriede begeistert.
"Ja, Tantchen, es ist wunderbar hier und die Hunde habe ich aus Italien mitgebracht, sie alle waren dort Straßenhunde, aber jetzt komm erst einmal ins Haus", antwortete Franziska und zog ihre Tante leicht am Ärmel ins Wohnzimmer.
Noch bevor Elfriede den wunderschön gedeckten Tisch so richtig bewundern konnte, klingelte es ungestüm an der Haustür. Sie schaute hinaus und sah zuerst verwundert, dann verärgert: Tonio. Es war
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Peter Paschold:
wieder wie vor kurzem: der Typ tauchte immer dann auf, wenn es überhaupt nicht passte. Damals hatte sich Elfriede auf die Zeit mit Franz gefreut, jetzt wollte sie gemütlich mit ihr und Steffi frühstücken. Und wieder kreuzte dieser Tonio auf, dessen Blick zudem nichts Gutes verhieß. Er war ihr vom ersten Augenblick an unsympathisch, so etwas gibt es. Es geht ihr immer so, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden teilt sie die Menschen in drei Klassen ein: sympathisch, unsympathisch oder mal sehen, was daraus wird. Selten hatte sie sich getäuscht. Bei Tonio ist sie sich im Klaren: sie werden nie Freunde werden.
„Weißt du, was der hier will?“, fragte Elfriede, zog dabei die Mundwinkel nach unten und schaute ihrer Nichte in die Augen. Da bemerkte sie, dass die sonst immer so beherzte Franziska blass geworden war. Nichts mehr von dem Stolz in der Stimme, als sie ihn am Binger Kran vorgestellt hatte. Stattdessen kam ein zögerliches „Bitte Tantchen, hilf mir!“ Elfriede schaute verwundert, nickte dann und setzte zu einer Frage an, wurde jedoch vom erneuten Klingeln unterbrochen. „Den jag’ ich zum Teufel!“, meinte Elfriede resolut und stand entschlossen auf.
„Nein, bitte nicht!“, flüsterte Franziska, „dann wird der Ärger nur noch größer!“
Elfriede ließ sich nicht beeinflussen, drückte Franziska auf den Stuhl, nickte ihr beruhigend zu, ging zum Fenster und öffnete es. Das Geräusch hörte Tonio, er kam sofort um die Ecke gespurtet: „Ich muss sofort Franzi sprechen!“
„Tut mir leid“, log Elfriede, „der geht es nicht gut, Sie sollen am Nachmittag wieder kommen, oder besser erst morgen!“
„Ich muss sie jetzt sprechen, ob es ihr gut geht oder nicht, interessiert mich nicht! Und morgen ist es zu spät!“
„Seien Sie nicht so giftig!“, versuchte ihn Elfriede zu beruhigen, blieb aber eisern und ließ ihn nicht herein. Sie schloss das Fenster, hörte so nicht mehr sein wütendes Gemecker. Sie ignorierte Tonios Drohgebärden, die Klingelattacken und dann das Donnern an die Tür. Irgendwann aber trat Ruhe ein. War er weg oder führte er etwas im Schilde? Elfriede lugte erst aus dem linken Fenster, dann aus dem rechten. Er war wohl abgezogen. Sie atmete auf. Doch wo war Franz? In der Aufregung hatte sie gar nicht mehr nach ihrer Nichte gesehen.
„Franziska!“, rief sie und lief durch das Haus, fand sie endlich in einen Sessel gekauert, weinend. Sie strich ihr über die lockigen Haare. „Franz, was ist, erzähle!“
Statt einer Antwort schluchzte es noch heftiger. Elfriede reichte ihrer Nichte ein Taschentuch, setzte sich neben sie, sagte nichts mehr und wartete. Irgendwann hörte das Schluchzen auf, Franziska richtete sich im Sessel auf und blickte sich um, dann auf Elfriede. „Okay, dann will ich es dir erzählen, aber bitte verrate mich nicht.“
Elfriede nickte irritiert und erschrocken: „Ja, was ist denn passiert?“ Erwartungsvoll beugte sie sich im Sessel vor.
„Es war gestern Abend, ich war allein in der Werkstatt und hatte nach Feierabend noch die Auspuffanlage an meinem alten Audi repariert. Da ging die Tür auf und jemand kam herein. Ohne den Schraubenschlüssel abzusetzen, sagte ich, dass die Werkstatt geschlossen sei und er oder sie morgen wieder kommen solle. Zugleich ärgerte ich mich, weil ich vergessen hatte, die Werkstatt zuzuschließen. Nun hatte ich den Salat, da hätte ja jeder hereinkommen können. Aber hier in der belebten Mainzer Straße, was sollte da schon passieren?
Doch der Besucher ließ sich offenbar nicht abweisen, wie ich am Geräusch der lauter werdenden Schritten merkte. Ich setzte den Schlüssel ab und schaute hoch, trat dann aus dem Bereich des Scheinwerfers, denn ich konnte nur die Umrisse eines Menschen erkennen. Und dann sah ich, es war Tonio, mit dem ich mich in einer Stunde am Naheparkplatz treffen wollte. Er meinte, dass er mich zu Hause angerufen hätte, aber nur den Anrufbeantworter erreicht hätte. Da sei ihm eingefallen, dass ich noch etwas am Auto reparieren wollte. Und deshalb sei er hier. Er könne mir ja helfen. Doch statt mir zu helfen, schlenderte er in der Werkstatt herum. Erst wartete ich auf ihn, dann reparierte ich allein weiter, ich wollte endlich fertig werden.
Plötzlich schreckte ich hoch; ein dumpfer Schlag gegen eine Blechtür dröhnte durch die Halle. Ich erstarrte. Was sollte das? Ein Einbruch? Dann splitterte Glas. Ich bekam Angst, rannte los und rief Tonio zu Hilfe. Und dann sah ich ihn, glaubte meinen Augen nicht trauen zu können: er selbst war es, der mit erhobener Brechstange an der Tür stand, gerade wieder voller Wucht auf sie einschlug. Neben ihm lagen drei Navigationsgeräte. ‚Los hilf mir!’ schrie er mich an. ‚Kriegst auch was von dem Geld, wenn ich die verkauft habe!’
Ich war sprachlos, entsetzt, fragte ihn, ob er verrückt geworden sei. Flehte ihn an, sofort aufzuhören. Er aber lachte nur, lachte, als hätte ich einen tollen Witz gerissen.
Als er sich beruhigt hatte, erklärte er mir seinen Plan, von einem fingierten Einbruch. Wenn er etwa zehn Minuten weg sei, könnte ich ruhig die Polizei rufen. Sollte erzählen, dass ich von zwei Maskierten überfallen worden sei, einer habe mich mit einem Messer bedroht, während der andere die Navis ausgebaut hätte.
Ich stand da und verstand die Welt nicht mehr. Ich schrie ihn an, sagte, dass ich sofort die Polizei rufen würde. Aber da lachte er wieder, lauter als beim ersten Mal. Er erschien mir wirklich verrückt. Doch schlagartig hörte er wieder auf und sah mich scharf an. Ich merkte, er meinte es ernst, als er auf einmal mit einem Messer vor meinem Gesicht herumfuchtelte und meinte, dass das keine gute Idee sei. Er würde nämlich der Polizei erklären, dass ich überhaupt die Idee zu dem Einbruch gehabt hätte und ihn hier hereingelassen hätte.
Ich war verzweifelt. Wie hätte ich beweisen sollen, dass ich unschuldig bin? Tonio packte die Navis in aller Ruhe in eine Audi-Prospekttüte. Dann winkte er mir cool zu und meinte, dass ich nachher unser Treffen vergessen könne, da er nun alles habe, was er von mir haben wollte, erst mich und nun noch diese Zugaben. Meinen Anteil für die Mithilfe würde ich auch bekommen. Er würde sich melden, wenn er das Geld habe.
Grinsend verschwand er mit dem Beutel unter dem Arm und knallte die Werkstatttür zu. Ich lief ihm hinterher, öffnete die Tür und sah, wie er gemütlich schlendernd in die Mainzer Straße einbog, in Richtung Vorstadt.
Ich konnte nicht mehr, lief zurück in die Werkstatt und musste heulen. Was sollte ich nur machen?
Schließlich ging ich ans Telefon, rief die Polizei an und machte alles so, wie er es verlangt hatte.
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Angelika Ströbel:
Elfriede zog es jeden Muskel des Magens zusammen. Ihr war ganz flau. Der Appetit auf ein Frühstück war ihr gründlich vergangen. Zu viele Gedanken strömten auf sie ein.
Die Familiengeschichte schien sich zu wiederholen. Auch ihr Bruder hatte seinerzeit, um eine Frau zu schützen, vor der Polizei gelogen. Die Folge war ein Leben voller Angst, Angst, die Familie zu zerstören, Angst, die Kinder zu gefährden, wenn er die Wahrheit an die Öffentlichkeit brächte. Zum ersten Mal dankte Elfriede ihrer Mutter für den Auftrag, die Nichten mit der Vergangenheit ihrer Eltern zu konfrontieren. Ob es funktionieren würde, aus der Familiengeschichte zu lernen, wenn Gefühle im Spiel waren?
Und Franz hegte offensichtlich tiefe Gefühle für Antonio. Dabei war es doch ganz ausgeschlossen, dass sie diesen furchtbaren Kerl wirklich kennt. Oder hatte er noch etwas gegen Franz in der Hand, dass sie für ihn log?
„Er hat keine Macht über dich, außer der, die du ihm über dich gibst, Franz“, sagte Elfriede mit ruhiger Stimme. Dabei sah sie ihrer Nichte in die Augen.
Franziska sprang von ihrem Stuhl auf. Diese Antwort passte ihr überhaupt nicht. Sie wusste nicht, was größer war, die Wut über Tonio oder der Ärger über Elfriedes Reaktion. „Elfriede Goldstein, du lässt mich im Stich?“, machte sie ihrer Empörung Luft.
Elfried blieb ruhig. Ihre Lebenserfahrung hatte sie gelehrt, in solchen Situationen auf ihre innere Stimme zu hören. Die riet ihr jetzt, Stefanie vor Antonio zu warnen. Nicht auszudenken, was Stefanie alles auf dem Weg zu ihrem Frühstück passieren konnte, falls sie Antonio begegnen würde. Sie durfte ihn auf keinen Fall mit ins Haus bringen. Elfriede kramte das Handy aus ihrer Tasche und sagte nur: „Ich warne jetzt Stefanie.“ Sie drückte die gespeicherte Handynummer. „Tuuut, tuuut,….“. Stefanie hob nicht ab. „Tuuut, tuuut, …“. Franz hatte sich leichenblass in einen Sessel sinken lassen. „Schwesterchen, geh endlich ran!“
Aber Stefanie hatte ihr Handy zu Hause gelassen. Sie wohnte unweit der Burg Klopp und lief gerne vor dem Frühstück noch eine Runde auf dem Rochusberg. So auch an diesem Morgen. Dabei nahm sie das Handy nie mit. Es störte beim Laufen.
Ihre Lieblingsstrecke führte sie am Hildegardforum vorbei zur Rochuskapelle und von dort durch den Wald zum Scharlachkopf. Der Boden war ganz weich; es duftete süßlich. Die Vögel zwitscherten fröhlich. Auch wenn es noch früh war, die Sonne in den Weinbergen war schon recht kräftig und in zwanzig Minuten würde sie energiegeladen und vor allem hungrig wie ein Wolf vor der Tür ihrer Schwester stehen.
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Gertrud Maier:
Stefanie freute sich auf ein kräftiges Frühstück, besonders gespannt war sie aber auf ihre Tante. Es gab soviel zu erzählen, nachdem der gestrige Abend ja buchstäblich ins Wasser gefallen war. Als sie schon auf dem Nachhauseweg war, um zu duschen und aus den Sportsachen herauszukommen, drehte sie spontan um. Sie wollte die beiden überraschen. Frische Klamotten sowie eine Dusche konnte sie auch bei Franz bekommen. Sie hatten die gleiche Konfektionsgröße und tauschten öfter ihre Sachen untereinander. Sie legte noch ein bisschen an Tempo zu. Schließlich ist es vom Scharlachkopf nicht weit bis Büdesheim. So stand sie schon zehn Minuten früher als erwartet, Sturm klingelnd und außer Atem, vor der Haustür. Franziska versteckte sich vor Angst im Schlafzimmer, während Elfriede beherzt und wütend das besagte Fenster aufriss und hinausschrie. „Du Mistkerl, lass uns in Ruhe!“ Aber statt des Erwarteten kam Steffi sehr erschrocken ans Fenster. „Was ist denn hier los? Mit so einem herzlichen Empfang habe ich nicht gerechnet.“ Franziska war inzwischen etwas blass aus ihrem Versteck herausgekommen. „Gott sei Dank bist du es, Schwesterlein. Komm rein. Wir müssen dich wegen dieser Begrüßung wohl erstmal aufklären. Nach diesem Schreck haben wir uns das Frühstück wirklich verdient. Währenddessen bekommst du die ganze unselige Geschichte zu hören und wir besprechen, wie es weitergehen soll.“
Nachdem Steffi alle Details erfahren hatte, war sie sehr bestürzt. „Ich mochte ihn noch nie leiden, er war mir immer zu schleimig. Jetzt brauche ich einen Schnaps. Wir müssen unbedingt zur Polizei und ihn anzeigen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Prost.“ Franziska bestellte ein Taxi. „Zum Polizeirevier Richtung Kempten, in die Mainzerstraße.“ Dort mussten sie eine Weile warten, denn die Beamten waren noch ganz ordentlich mit einem Herrn beschäftigt, der wohl ein bisschen zuviel des guten Rebensaftes probiert hatte - am hellen Morgen! - und jetzt auch noch die Gesetzeshüter übel beschimpfte. Kurz danach kam ein junger, gut aussehender Hauptkommissar zu ihnen, um die Anzeige aufzunehmen. Sein Name war Scholz. Er klärte Franziska darüber auf, dass auch sie wohl mit einer Strafe zu rechnen hätte, wahrscheinlich aber einer sehr geringen, wegen der falschen telefonischen Angabe. Aber ansonsten lobte er ihren Mut sowie die Entschlossenheit, mit der sie jetzt die Sache angepackt hatte.
Als man in der Ganovenkartei nachschaute, stellte sich heraus, dass unser Antonio kein unbeschriebenes Blatt war. Er hatte ganz schön was auf dem Kerbholz: Drogendelikte, Einbrüche und Körperverletzung. Es wurde schon länger nach ihm gefahndet. Er war ein richtig schwerer Junge.
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Monika Böss:
„Stimmt nicht!“
Der Polizeibeamte blickte auf: „Wie lange kennen Sie ihn?“
Franziska überhörte die Frage. Es war ihr unangenehm hier auf dem Polizeirevier mit Steffi und der ihr kaum bekannten Tante zu sitzen, deren merkwürdiger Geschmack sie älter erscheinen ließ, als sie tatsächlich wohl war. Eigentlich, das war ihr gestern schon klar geworden, gehörte diese Elfriede nicht richtig in die Zeit. Gut, sie war freundlich, aber auch verdammt langweilig. Hatte keine Ahnung von dem, was hier abging. Künstlerin! Gewiss malte sie Blumen. Aquarelle. Scheißegal. Sie hatte die Kohle. Musste der Mistkerl von Antonio jetzt den Aufstand machen, nur weil sich seine Olle in der Nähe herumtrieb?
„Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet!“
„Ach so! Ja, wir waren Kollegen!“
Der Kommissar lächelte. „Er hat gearbeitet?“
„Wieso?“
„Nur eine Frage!“
Franziska zuckte zusammen. Eine Erinnerung drängte sich ihr auf. Den Zahnriemen zog sie an einem Berlingo auf, als er plötzlich neben ihr gestanden hatte. Um seinen hübschen, leichtsinnigen Mund war ein Lächeln gehuscht. „Hi, Lady! Prima!“ Tatsächlich hatte sie versucht ihre ölverschmierten Hände vor ihm zu verbergen.
„Steh nicht so rum!“, raunzte ihn der Meister an, „zieh die Reifen auf. Der Kunde kommt gleich!“
Franziska merkte, dass dicke Luft herrschte. Der Neue gefiel dem Meister nicht. Einen ‚Schrauber‘ hatte er ihn abfällig genannt. Na ja, nach Feierabend hatte er auf dem Parkplatz hinter der Werkstatt auf sie gewartet. Sie waren auf den Rochusberg gefahren. Am Kempter Eck hatten sie auf der Bank gesessen. Die Inseln im Strom verschwammen im Dunst.
So hatte es angefangen.
Franziska musste ein Formular unterschreiben. Ein Schuldeingeständnis war es. Sie erhielt noch einige Belehrungen dazu und den Rat, ihr Privatleben weniger turbulent zu gestalten. Sie könne sich sonst ihre Zukunft verbauen.
Endlich durfte sie gehen.
Draußen im Flur warteten sie. Tante Elfriede brachte ihren komischen Hut in Stellung und Steffi grinste amüsiert. „Jetzt habe ich eine Kriminelle als Schwester!“
„Und?“
„Schon okay!“
Sie lachten beide.
„Der junge Mann, dieser Antonio, in welchem Verhältnis stehst du zu ihm?“, versuchte Elfriede die Ernsthaftigkeit wieder herzustellen. Ihre Unruhe hatte sich zu einer Panik ausgewachsen, was ihr einen kleinen Asthmaanfall beschert hatte.
„Das weißt du doch! Wir wollen uns selbstständig machen. Ich werde irgendwann die Meisterprüfung ablegen und er …!“
„Quatsch!“, unterbrach Steffi sie. Ein hübsches Mädchen war sie. Vielleicht ein wenig belanglos. Sie sah ihrer Mutter sehr ähnlich. Elfriede war es sofort aufgefallen. Annemarie. Dumme Geschichte. Bei irgendeinem Winzerfest waren sie sich begegnet. Paul und sie.
„Wie geht es eurer Mutter?“, fragte sie. Eine Eingebung war es. Ablenkung vielleicht.
„Gut!“, antworteten beide gleichzeitig.
Wie auch anders, dachte Elfriede. Mit Paul hatte sich Annemarie saniert. Süßwarenverkäuferin bei ‚Hussel‘ am Markt war sie zuvor. Na ja, so genau hatte Paul niemals geschaut. Sie war eben eine Wuchtbrumme. Sein Geschmack. Bis hinauf in die Rochusallee hatte sie es geschafft. Und Paul? Der arme Paul.
Es wurde ihr alles auf einmal zu viel. Sie hatte schöne Tage erleben wollen und war in ein Chaos aus Zufällen, Unwägbarkeiten und Gewalt geraten, hier, in dieser idyllischen Stadt am Rhein. Und was war mit dieser jungen Frau und dem Kind? Ach, eigentlich gingen sie die Leute doch gar nichts an. Mit den Nichten musste sie klar kommen. Aber der Kerl, dieser Antonio, der lauerte wie ein Phantom überall.
An der Espenschiedstraße verabschiedete sich Steffi. Zu ihrem Pferd wollte sie. Oben auf dem Berg stand es im Stall.
Elfriede holte tief Luft. „Hast du keine Angst vor diesem Mann, Franziska?“
„Nein!“
„Und wenn er dich bedroht?“
„Soll er doch!“
Sprachlos machte es Elfriede und die Zweifel regten sich. Alles warnte in ihr. „Das ist kein Umgang für dich!“, versuchte sie zu belehren. Franziska blickte an ihr vorbei. „Kannst du mir Geld leihen, Tante?“
Elfriede fühlte eine tiefe Enttäuschung. Geld. Ja. Darauf kam es ihr an. Mit ihrem Kerl würde sie es verjubeln. Gewiss würde es so geschehen. Sie, Elfriede Goldstein, war nichts weiter als eine Erbtante. Keine Ahnung hatten sie von all den Dingen, die gewesen und deren Schatten noch nicht vertrieben waren. Nein, ein Antonio gehörte nicht in diesen Kanon. Das war eine andere, eine ganz andere Geschichte.
„Wofür brauchst du das Geld?“
„Habe ich dir doch schon gesagt!“
„Dieser Mann ist vorbestraft und du wirst es vielleicht auch sein. Da nützt dir mein Geld auch nichts!“
Franziska schob die Unterlippe vor. Ein kleines, trotziges Mädchen, dachte Elfriede. Mit offenen Augen lief sie in ihr Unglück hinein.
Kopfsteinpflaster. Das Spital. Die Kapelle. Drüben ein Café. Die Fußgängerzone – kennst du eine, kennst du alle! Billigläden verschleuderten ihren verzottelten Charme.
Am Speisemarkt verließ Franziska sie. „Morgen, Tante, reden wir weiter!“
„Pass auf dich auf!“
„Versprochen!“
Im Hotel kam Karl Schubart auf sie zugeeilt. „Frau Goldstein!“, sagte er, „mir gefällt die Sache nicht. Ich werde die Polizei benachrichtigen müssen!“
„Da komme ich gerade her!“
„Wegen ihr?“
„Nein, meine Nichte hat Probleme mit ihrem Lover, oder was er ist. Er hat ein Ding gedreht und sowieso schon einiges angestellt. Wissen Sie, er hängt auch in der Sache drin!“
„In welcher?“
„Er kennt diese Frau und das Kind!“
„Ja, wer immer sie auch ist. Ausgeflogen, die Beauty!“
„Und das Kind?“
„Das Jugendamt ist informiert. Da stimmt nichts, gar nichts, Frau Goldstein! Ich bin Hotelier in der dritten Generation. Da ist man an Überraschungen gewöhnt. Suizide, einmal ein Eifersuchtsdrama, übrigens, Ihr Herr Bruder, der Paul, ist bei uns oft verkehrt. Nicht mit der verehrten Gattin, ach, was erzähle ich da, die Annemarie aus der Schlüsselgasse. Man kennt sich aus. Die Stadt ist klein. Jetzt sitzt sie oben in der Allee und kennt einen nicht mehr. Und der Paul? Es tut mir leid, aber ich habe gerade daran denken müssen ...!“
„Ja!“ Elfriede fühlte eine große Erschöpfung. Auf einmal war ihr alles zu viel. Die anstrengende Pflege der fordernden Mutter. Monatelang. Alles lief auf ein Ende zu. Hoffnung wäre eine Narrheit gewesen. Sie war eine gute Tochter geblieben. Bis zum Schluss.
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Heidi Höning:
Doch jetzt zitterten ihre Beine, und sie musste sich am Empfangstresen festhalten, damit sie nicht nachgaben. Herr Schubart ergriff ihren Arm und führte sie zu der gemütlichen Sitzecke in der kleinen Hotelhalle. „Du liebe Zeit, Frau Goldstein, Sie zittern ja. Ich muss mich tausendmal entschuldigen. Sie haben selbst einen aufregenden Morgen hinter sich, und da überfalle ich Sie auch noch mit meinen eigenen Sorgen. Ganz blass sehen Sie aus. Bestimmt ist es der Kreislauf“, meinte er aufgeregt. Besorgt schob er ihr einen Hocker hin. „Legen Sie die Beine mal hoch, und wenn es Ihnen in ein paar Minuten nicht besser geht, hole ich einen Arzt. Wir haben einen sehr guten Internisten gleich hier um die Ecke am Fruchtmarkt.“
Doch Elfriede winkte müde ab. „Sehr lieb gemeint, Herr Schubart. Aber ich bin heute Morgen wegen allem, was passiert ist, nicht zum Frühstücken gekommen. Deshalb ist mir jetzt etwas schwummrig zu Mute. Eine Tasse Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen werden mir wieder auf die Beine helfen. Und dann sehen wir weiter. „
„Ich kümmere mich sofort darum“, rief Herr Schubart, schon auf dem Weg zur Hotelküche.
Elfriede schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen, doch die Bilder von den Ereignissen des Morgens mit ihren Nichten, dem mysteriösen Antonio, dem Polizeirevier und dem Kommissar tauchten hinter ihren geschlossenen Augen immer wieder auf und ließen sie nicht zur Ruhe kommen.
Nach wenigen Minuten kam Herr Schubart mit einer dampfenden Kanne Kaffee und einem Tablett mit einem knusprigen „Wasserweck“, einigen Stücken kesselfrischer, warmer Fleischwurst und einem Glas Wein an den Tisch zurück. „Das ist ein traditionelles Binger Frühstück“, erklärte er augenzwinkernd , „und da es schon auf die Mittagszeit zugeht, passt es auch ausgezeichnet. Die alteingesessenen Binger sagen, dass man damit Tote zum Leben erwecken kann.“ Obwohl Elfriede der Appetit gründlich vergangen und ihre Kehle so eng war, dass sie glaubte, keinen Bissen hinunterzukriegen, zwang sie sich, den Wasserweck und ein Stück Fleischwurst zu essen und reichlich von dem duftenden Kaffee zu trinken. „ Auf den Wein verzichte ich lieber bis heute Abend. Jetzt möchte ich erst mal einen klaren Kopf bekommen und meine Gedanken zusammenhalten“, meinte sie. Und tatsächlich schien das „Binger Frühstück“ zu wirken, denn ihre Lebensgeister kehrten überraschend schnell zurück und es ging ihr besser. Herr Schubart war die ganze Zeit bei ihr sitzen geblieben. Als ihre Wangen wieder Farbe bekamen, glätteten sich auch die Sorgenfalten auf seiner Stirn ein bisschen. „Ich glaube, das Beste ist, wenn ich Sie zu Ihrem Zimmer begleite und Sie sich eine Zeitlang hinlegen“, fand er.
Doch die Disziplin und Stärke, die sie während der langen Pflege ihrer Mutter bewiesen hatte, befähigten Elfriede auch jetzt, sich den neu aufgetretenen Problemen zu stellen.
„Frau Bruni ist also verschwunden?“, hakte sie nach. „Ja, das Zimmermädchen fand heute Morgen ihr Zimmer leer vor. Koffer, Kleider und ihre übrigen persönlichen Sachen, auch die des Kindes, sind weg. Sie hat sich abgesetzt.“
„Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als möglichst schnell die Polizei zu informieren. Die ganze Sache, auch mit Julia, wird ja immer undurchsichtiger. Da scheint etwas Übles im Gange zu sein.“
„Das befürchte ich auch. Als ich das Jugendamt informiert habe, dass Frau Bruni mit Sack und Pack verschwunden ist, hatte ich eine sehr freundliche Dame am Telefon. Sie hat mir gesagt, dass man bis jetzt nicht weiß, wer Julia ist. Ihre Verletzungen sind nicht so gravierend, aber sie ist schrecklich verängstigt und spricht kein Wort.“
„Dann sollten Sie sehen, dass Sie sofort zur Polizei fahren, damit man auch dort Bescheid weiß.“
„Ja, das muss ich wohl, obwohl ja gerade Mittagszeit ist und ich eigentlich um diese Tageszeit unentbehrlich bin. Aber das Personal wird es auch einmal ohne mich schaffen. Liebe Frau Goldstein, ich weiß, es ist unverschämt, zu fragen, auch weil Sie sich nicht wohl fühlen. Dürfte ich Sie trotzdem bitten, mich zu begleiten? Sie haben Frau Bruni ja schon einige Zeit vor mir im Zug kennen gelernt, und vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein, was mir entgangen ist.“
„Aber Herr Schubart, natürlich komme ich mit. Irgendwie betrifft diese ganze Geschichte ja auch meine Nichte Franziska.“
„Dann hole ich mal schnell meinen Wagen. Kommen Sie mit nach draußen. Ich fahre direkt vor den Eingang.“
Elfriede wartete vor der Tür und sah zur Germania auf der anderen Rheinseite hinüber. Wenn alles gelaufen wäre, wie sie geplant hatte, wäre sie jetzt in einer der Gondeln hoch über den Weinbergen von Rüdesheim auf dem Weg zu ihr hinauf. Sie hatte sich fest vorgenommen, heute dort oben ihre Staffelei aufzustellen und den herrlichen Ausblick über den Rhein und die Mündung der Nahe auf ihre Leinwand zu bannen. Doch da kam schon Herrn Schubart mit seinem Wagen und hielt an. Elfriede seufzte noch einmal bedauernd und stieg ein.
Und dann war sie schon zum zweiten Mal an diesem Morgen auf dem Weg zur Binger Polizei in der Mainzer Straße, vorbei an dem seit dem letzten Jahr so schön angelegten Platz vor dem Binger Stadtbahnhof. Doch heute Morgen hatte sie keinen Blick für die bunten Blumenrabatte und den künstlerisch gestalteten Springbrunnen mit den steinernen Tieren auf dem Brunnenrand, den sie gestern Nachmittag noch bewundert hatte. Vorbei am altehrwürdigen Amtsgerichtsgebäude erreichten sie innerhalb weniger Minuten die ihr schon bekannte Dienststelle.
Diesmal mussten sie nicht lange warten; der freundliche Herr Scholz kam schon nach wenigen Minuten und bat sie in sein Zimmer. Herr Schubart erzählte ihm, dass die kleine Julia am Vorabend verschwunden war und dass man sie gesucht und zufällig verletzt und stark blutend bei der Einlieferung durch den Notarzt ins Heilig-Geist-Hospital wieder gefunden habe. Herr Scholz erklärte ihnen, dass das Jugendamt die Polizei bereits über den Fall informiert habe, insbesondere auch darüber, dass nach Ansicht der behandelnden Ärzte aufgrund der festgestellten alten Verletzungen und Frakturen der Verdacht auf Kindesmisshandlung bestehe.
„Wir werden in letzter Zeit häufig mit solch schrecklichen Fällen konfrontiert, und es geht mir auch nach all den Jahren immer noch an die Nieren, wenn ich in diesen Angelegenheiten ermitteln muss“, sagte der Kommissar niedergeschlagen. „Man gewöhnt sich nie daran. Und dieser Fall ist besonders kompliziert, weil das Kind nicht redet und wir seinen Nachnamen nicht kennen. Hinzu kommt noch, dass es fraglich ist, ob Raffaela Bruni der richtige Name der verschwundenen Begleitperson ist.“
„Auf jeden Fall ist dieser Antonio, wegen dem Frau Goldstein mit ihren beiden Nichten heute Morgen schon einmal bei Ihnen vorgesprochen hat, auch in die Sache verwickelt. Er kennt die beiden. Er hat sie gestern persönlich nach Bingen gebracht.“
„Ja“, bestätigte Elfriede. „Sie sind mit dem gleichen Zug angekommen wie ich. Ich habe sie zusammen gesehen. Er hat Frau Bruni und das Kind zu mir ins Abteil gestoßen und sich dabei ziemlich rüpelhaft benommen. Außerdem hatte Julia panische Angst vor ihm. Meine Nichte Franziska und ich sind ihm gestern Nachmittag in der Hindenburganlage begegnet. Zufällig kam Frau Bruni mit Julia vom dortigen Spielplatz, und als das Kind Antonio sah, lief es weg. Frau Bruni holte Julia ein und hielt sie fest. Aber sie schrie panisch und ließ sich nicht beruhigen. Als Julia gestern Abend verschwand, ist sie weggelaufen, weil Antonio plötzlich auftauchte. Jedenfalls hat Frau Bruni das so erzählt, als wir das Kind gesucht haben. Ich habe ihr geraten, die Polizei einzuschalten, aber sie erschrak und lehnte dies kategorisch ab.“
„Wenn Antonio mit von der Partie ist, ist das auch nur zu verständlich,“ meinte der Kommissar. „Er ist nicht ganz ungefährlich, und Frau Bruni wird das wissen. Leider haben wir keine Ahnung, wer die Frau ist, und wenn wir Antonio dazu befragen, wird er alles abstreiten, auch, dass er mit den beiden im Zug war. Wir müssten unbedingt wissen, wer sie und das Kind sind.“ Bedauernd hob er die Schultern. „Das herauszukriegen, wird einige Zeit dauern, was besonders ärgerlich ist, weil wir vermuten, dass hinter dieser ganzen Geschichte noch viel mehr steckt.“
Einige Augenblicke lang sagte niemand etwas. Es war ziemlich heiß im Zimmer, und Herr Schubart lockerte seine Krawatte, um besser Luft zu bekommen. Dann meinte er: „Aber wir beide haben Frau Bruni gesehen. Und Frau Goldstein ist Malerin. Sie kann sie bestimmt gut beschreiben, weil sie einen Blick für Besonderheiten haben muss.“
Herr Scholz sah Elfriede fragend an. „Na ja, ich kann es versuchen“, meinte sie zögernd. „Frau Bruni ist etwa Ende zwanzig, mittelgroß, schlank, und sie hat lange, schwarze Haare. Sie spricht Deutsch ohne jeglichen Akzent, wirkt aber trotzdem sehr unsicher und gehemmt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass sie sehr feingliedrige Hände hat. Sie trug ein einfaches blaues Baumwollkleid. Um den Hals hatte sie eine längere, goldene Kette mit einem kleinen, filigranen Kreuz. Sie hat auffallend große, braune Augen und sehr ebenmäßige Gesichtszüge......“ Hier stockte Elfriede und war plötzlich, und zwar nicht nur wegen der stickigen Luft im Zimmer, schweißgebadet; denn während sie Raffaela Bruni beschrieb, war ihr auf einmal bewusst geworden, was sie bereits im Zug an ihrem Aussehen gestört und irritiert hatte: Sah man einmal von den längeren Haaren, den großen Augen und der geringeren Körpergröße ab, sah diese ihrer Nichte Stefanie überraschend ähnlich..................
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Silvia Meves:
Elfriede wurde blass. Langsam setzte sich ein Bild zusammen Wie Puzzleteile, die allein keinen Sinn machen, sich nie zu einem Ganzen fügen wollen und am Ende doch ein Bild ergeben.
Sie musste mit ihren Nichten reden. Möglichst bald. Ein Strudel der Ereignisse riss sie hier mit, und wie die gefährlichen Stromschnellen im Rhein sich nicht bezwingen ließen, fühlte sie sich ausgeliefert. Katapultiert in eine Geschichte, deren Fortgang sie kaum beeinflussen konnte und die nichts Gutes erahnen ließ.
„Könnten Sie eine Skizze malen. Eine Skizze von Frau Bruni?“ Die Stimme von Herrn Scholz riss Elfriede aus ihren Gedanken. „Ja sicherlich, ich kann`s versuchen, und wenn Herr Schubart sich mit erinnert, werden wir ein Phantombild haben, das Frau Bruni einigermaßen ähnlich sieht. So was heißt doch Phantombild?“
Herr Scholz nickte und Herr Schubart bot sofort seine Hilfe an. „Auf mich können Sie zählen.“ Elfriede warf ihm einen dankbaren Blick zu. Für das Bild hätte sie ihn gar nicht gebraucht. Als Malerin konnte sie sich gut erinnern und Gesichter, die sie mit Ereignissen in Verbindung brachte, waren für sie jederzeit präsent. Kein Detail vergaß sie.
Aber Herr Schubart hatte eine beruhigende Art und im Moment brauchte sie in der Aufregung jemanden, der so wohltuend fürsorglich war. Das musste ja keiner wissen und ein bisschen Schummeln ist im Leben erlaubt.
Nach einer guten Stunde zeigte sich Elfriede mit dem Ergebnis zufrieden. Ein paar kleine Fehler hatte sie einfließen lassen und diese dann mit Herrn Schubarts Hilfe korrigiert. Niemand bemerkte ihre kleine Unehrlichkeit. Innerlich musste Elfriede schmunzeln. Wie leicht war es doch, der Eitelkeit eines Mannes zu schmeicheln.
Aber dann fiel ihr die ganze Misere wieder ein. Das Bild vor ihr verschwamm und im Bild tauchte das Gesicht ihrer Nichte auf. Die Ähnlichkeit war frappierend. Bevor sie sich weiter um Frau Bruni und das Kind kümmern konnte, musste sie Franziska treffen. Sie musste genau wissen, wie ihre Nichte Tonio kennen gelernt hatte. Für Elfriede war das alles ein abgekartetes Spiel. Tonio hatte bewusst die Nähe von Franziska gesucht. Nur so konnte er Steffi wie zufällig begegnen.
Als sie wieder im Hotel waren, sah Elfriede auf die Uhr. Franz hatte in einer Stunde Feierabend. Elfriede fühlte sich todmüde. Aber das war ja auch kein Wunder Vielleicht könnte sie sich noch eine Stunde hinlegen. Den Urlaub hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Von Erholung keine Spur und das Einzige, was sie bisher gemalt hatte, war ein Phantombild für die Polizei. Elfriede seufzte, stellte sich den Wecker und schlief dann auch sofort ein.
„Du hältst die Klappe, alte Schachtel. Haben wir uns verstanden? Frag doch mal deine vornehme Familie, wie vornehm die Verwandtschaftsverhältnisse wirklich sind. Bin durch Zufall dahintergekommen. Gibt auch schöne Zufälle!“ Antonio lachte gehässig und Elfriede fühlte seine Hände um ihren Hals. Fühlte, wie der Griff immer enger wurde und dieser Druck ihr den Atem raubte. Von weit weg hörte sie noch die Kirchenglocken. Mit letzter Kraft entfuhr ihr ein Schrei. Dann richtete sie sich im Bett auf. Langsam kam sie zu sich. Hörte von ihrem Wecker das Glockenspiel des Straßburger Münsters und stellte erleichtert fest, dass Antonios Mordversuch nur ein böser Traum war.
Nun musste sie Franziska anrufen, die zum Glück sofort am Apparat war und auch bereitwillig mit Elfriede essen gehen wollte. Nun ja: Elfriede hatte die Bereitschaft etwas gefördert, indem sie ins Gespräch einflocht, dass sie noch ein paar Fragen hätte, bevor sie Franz das Geld leihen wollte.
Innerlich seufzte Elfriede. Wenn sie eins im Leben nie sein wollte, dann die Erbtante, die man nur wegen ihres Geldes mochte. Aber sie wollte nicht ungerecht werden. Franz und Steffi hatten eine wirklich innige Beziehung zu ihr und es sprach ja auch für Franziskas Vertrauen, dass sie so offen über ihre Pläne mit ihr sprach.
„Und wenn du dir jetzt alles oft genug schönredest, glaubst du selbst noch dran.“ Elfriede rief sich zu mehr Disziplin auf und machte sich auf den Weg zur Vinothek. Dort wollte sie Franz treffen. Spundekäs und ein gutes Glas Wein. Das würde ihre Lebensgeister wieder wecken. Wie hungrig sie war. Dieser Urlaub entpuppte sich zu einer ungewollten Diät. Nie kam sie zum entspannten Essen.
Franziska winkte ihr zu. Sie hatte eine Cola vor sich stehen. „Hi Tantchen, habe mich schon mal für Westernwein entschieden.“ Obwohl sie Elfriede angrinste, konnte Elfriede die Anspannungen der letzten Tage in ihrem Gesicht bemerken. „Es ist zuviel für die Mädchen“, dachte sie und wusste doch, dass es noch anstrengender werden würde. Aber es nutzte nichts. Die Wahrheit musste endlich ans Licht.
„Erzähl mir mehr von deinem Antonio“, forderte sie Franz auf und sah sofort den Glanz in Franz’ Augen, als nur der Name dieses Halunken fiel. „Ja, ja“, dachte sie, „der weiß, welche Wirkung er auf Frauen hat. Herzensbrecher sind Serientäter und oft endet, was mit Schmetterlingen im Bauch begann, mit bösen Magenschmerzen.“
„Weißt du“, Franziska zuckte die Schultern, „im Grunde genommen hat Antonio ein weiches Herz. Wenn du wüsstest, wie oft er nach Italien fährt, damit er sich um seine kranke Mutter kümmern kann. Wenn sie wieder gesund ist, will er mich seiner Familie vorstellen. Und ich war tatsächlich eifersüchtig, wenn er mal wieder überraschend wegmusste. Dabei interessiert er sich wirklich für mich. Will alles wissen. Wie es zu Hause war, wie ich mich mit Steffi verstehe, alles von unserer Familie eben.“
Elfriede nickte. Das konnte sie sich gut vorstellen. Nur die Beweggründe für seine Ausflüge, für sein Interesse an der Familie, die sah Elfriede ganz woanders. Ihre Nichte tat ihr leid. So verliebt in einen Schurken und für alles eine Entschuldigung. Gestern tobte sie noch vor Wut und heute? Aber sie war zu klug um Franz zu widersprechen. Das hätte zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn gehabt. Tonio wollte das so lange gehütete Familiengeheimnis für sich nutzen. Der kleine Gauner glaubte wohl vor einem ganz großen Coup zu stehen. Und er schreckte vor nichts zurück. Auch nicht, wenn ihm ein Mädchen wie die kleine Julia im Weg stand.
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Anita Maier:
Julia, die arme Kleine. Julia tat ihr von allen am meisten leid. Ein Kind, das keine Wahl hatte. Wohl nie eine gehabt hatte. Wie denn auch bei dieser Mutter. Wut stieg in Elfriede hoch bei dem Gedanken an sie. War sie sich nicht ihrer Pflichten als Mutter bewusst? Sollte sie nicht mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihr Kind schützen, wie eine Löwin ihr Junges schützt, selbst wenn es vor dem eigenen Vater wäre? Musste sie ihr Kind nicht vor solchen Menschen schützen? Wie konnte sie zulassen, dass ihr Kind so litt, solche Ängste durchstand? Elfriede wusste, wie sich das anfühlte, zu leiden. Sie wusste, wie Julia sich fühlte. Sie erinnerte sich an ihren Vater, an ihre Kindheit. Wie sie ihn gehasst hatte. Diesen großen Furcht einflößenden Mann, der nie ein Lächeln für sie hatte, dem nie ein Wort der Zuneigung über die Lippen kam. Der immer mürrisch dreinblickte. Der es nicht duldete, wenn sie als Kinder im Haus herumtollten. Und so lernte sie mucksmäuschenstill zu sein, so dass sie sich manchmal fragte, ob er überhaupt wusste, dass es sie gab. Und sie erinnerte sich an den Abend. Sie saßen beim Abendbrot. Die Mutter hatte frisches Brot gebacken und die Suppe dampfte in der Schüssel. Ihr Bruder fing an, sie unter dem Tisch mit dem Fuß zu piesacken. Und sie blickten sich an und mussten sich das Kichern verkneifen. Am Tisch durfte schließlich nicht gesprochen werden. Doch dann sah der Vater sie an. Diesen Blick würde sie nie vergessen. Ein Blick, der alles verriet. Sofort war sie still. Nur ihr Bruder hatte die stille Warnung nicht verstanden. Und so traf er Elfriede am Schienbein. Schmerzhaft schrie Elfriede auf. Im selben Moment, so als hätte er nur darauf gewartet, sprang der Vater auf und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. „Ruhe, habe ich gesagt!“, brüllte er. Sofort war es still. Aber nicht lange. Durch die Wucht des Schlages fing die Suppenschüssel an zu schwanken. Wie in Zeitlupe sah Elfriede, wie sie kippte. Und dann sah sie nichts mehr. Hörte nur noch die Schreie und spürte die Schmerzen, roch das verbrannte Fleisch. Elfriede schauderte. Noch heute trug sie die Narben am Hals, wo die Suppe sie verbrannt hatte. Eine schmerzhafte Erinnerung, die sie lange verdrängt hatte. Doch noch schmerzhafter für Elfriede war der Blick der Mutter gewesen. Ihre Augen hatten leer ausgesehen, teilnahmslos, traurig. Es schien, als hätte sie das Schlachtfeld schon lange kampflos verlassen. Und die Opfer waren ihre Kinder.
„Elfriede, Elfriede, hörst du mich?“ Franziskas Stimme holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Sie erschrak. Ihre Hand lag auf der Stelle am Hals mit dem vernarbten Gewebe. Schnell zog sie sie weg. Sie blickte in Franziskas besorgte Augen. „Ist alles in Ordnung?“, hörte sie sie fragen. „Du schienst in Gedanken zu sein, weit weg von hier.“
Elfriede straffte sich und holte tief Luft. „Ach, Kindchen“, seufzte sie. Sie nahm Franziskas Hand und hielt sie fest. „Alles wird gut werden, glaube mir.“ Doch innerlich war sich Elfriede nicht mehr ganz so sicher. Sie musste mit Julias Mutter sprechen. Irgendetwas musste passieren. Und zwar sofort. Sie würde nicht tatenlos dastehen und zusehen, dass vielleicht noch etwas viel Schrecklicheres passierte. Sie war in die Sache gerissen worden, ohne dass sie es wollte, ohne dass sie jemand gefragt hatte, und jetzt ging sie die Sache auch etwas an. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und plötzlich wusste sie, was zu tun war.
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Therese Chojnacki:
Ja, das wird sie tun, denn in der ganzen undurchschaubaren Geschichte geht es vor allem um das Wohl des Kindes. Undurchschaubar, das war die richtige Bezeichnung. Als Franziska ihr von dem fingierten Einbruch erzählt hatte, war sie auf etwas aufmerksam geworden. Nur was war das? Mein Gott, man wird langsam alt, dachte sie, die Konzentration lässt allmählich nach. Innerlich unruhig geworden, verspürte sie plötzlich den Wunsch, allein zu bleiben, um in aller Ruhe alles zu analysieren. Ein energisches Glimmen trat in ihre Augen: Kurz war sie noch in ihre Nachdenklichkeit gehüllt, dann sagte sie zu ihrer Nichte:
„Franz, sei mir nicht böse, aber ich bin sehr müde. Ich merke doch, dass ich nicht mehr so ein junger Hüpfer bin, wie du es bist. Ich brauche ab und zu meine Ruhe und meine Staffelei. Bis jetzt bin ich nicht eine Minute dazu gekommen, diese wunderschöne Landschaft des Weltkulturerbes zu malen.“ Nanu, dachte Franziska, so müde, wie sie es darstellte, sah das Tantchen aber nicht aus. Zumindest sah man ihr die Müdigkeit nicht an. War das vielleicht eine Ausrede um das Gespräch über das Geld hinauszuschieben? Sie brauchte das Geld doch so dringend! Es war schrecklich, von jemandem abhängig zu sein! So wie sie ihre Tante kannte, durfte sie nicht drängen, denn damit würde sie nur das Gegenteil erreichen. Eher musste sie versuchen die Tante bei guter Laune zu halten. Wenn in dieser Situation nur von guter Laune die Rede sein konnte!
„Ich verstehe dich, Tantchen! Klar, du brauchst ab und zu deine Ruhe. Eigentlich war dein Besuch in unserem schönen Städtchen ganz anders geplant. Es tut mir leid!“
„Es ist schon gut, Franz, morgen bin ich wieder ganz frisch!“ So verabschiedeten sie sich und Elfriede kehrte zuerst zu ihrem Hotel zurück, ganz in Gedanken auf Franz und den Einbruch konzentriert. Im Eingang stieß sie beinahe mit Herrn Schubart zusammen, der nun ihre Oberarme hielt und sie verbindlich anlächelte:
„Nanu! Beinahe hätten Sie mich umgerannt! Gibt’s was Neues?“
„Nicht, dass ich wüsste, außer dem, dass ich mir meinen Urlaub in Bingen anders vorgestellt hatte!“
„Wollen wir heute Abend zusammen zu Abend essen?“, schlug er freundlich vor.
„Aber gern, bis dahin werde ich vielleicht meine Fragezeichen beantworten können. Dafür brauche ich aber ein wenig Ruhe.“ Er nickte nur zustimmend. Sie durchquerte das Foyer, und als sie ins Zimmer kam, zog sie zuerst alle Kleider aus, warf nur den leichten Morgenmantel aus Seide über und legte sich flach aufs Bett. Die Gedanken und Erinnerungen an gestern und vorgestern rasselten in ihrem Kopf, bewegten sich hin und her und ließen verschiedene Bilder vor ihrem geistigen Auge erscheinen. Plötzlich setzte sie sich und schrie auf: „Das war es, was mir bei Franz’ Version verdächtig vorkam! Franziska hatte ihr erzählt, dass sie die Tür der Werkstatt nicht zugeschlossen hatte, das war ihr Fehler, aber sie sagte auch, in der belebten Mainzer Straße könne doch nichts passieren. Und dann passierte es, dass dieser Tonio randalierte, die Scheiben zerbrachen ... und kein Mensch reagierte oder bemerkte es? Da stimmte irgendetwas nicht! Franz sagte nicht die Wahrheit! Nun gut, die Wahrheit würde sie schon irgendwie aus ihr herausbekommen! Sonst gibt es kein Geld! Aber lassen wir zuerst diese Geschichte, beschloss sie, denn wichtiger war das Kind. Diese Julia, die wahrscheinlich keine schöne Kindheit hatte. Diese Frau, die sie hierher gebracht hatte, war wahrscheinlich nicht ihre Mutter! Und wo war ihre Mutter, die es erlaubt hatte, dass ihr Kind so misshandelt wurde? Dieser Frage wollte sie zuerst nachgehen und sie beschloss morgen das Jugendamt anzurufen um zu erfahren, was man über die Mutter von Julia herausgefunden hatte. Doch der Gedanke, dass sie ihrer Nichte Franz nicht hundertprozentig trauen konnte, belastete sie sehr. Das merkte auch Herr Schubart sogleich, als sie am Abend in dem gemütlichen Restaurant erschien.
„Haben Sie etwas auf dem Herzen, Frau Goldstein?“, erkundigte er sich, um gleich ihr betrübtes Gesicht zu prüfen.
„Seit der Ankunft in Bingen habe ich genug auf dem Herzen! Das Kind geht mir nicht mehr aus dem Kopf! Ich habe vor, morgen das Jugendamt anzurufen und mir eine Erlaubnis zu verschaffen, mit Julia Kontakt aufzunehmen, denn sie war mir nicht abgeneigt. Vielleicht bringe ich sie dazu ihr Schweigen zu brechen!“ Das wäre doch der Anfang, der dazu führen könnte, alle Geheimnisse aufzuklären! Herr Schubart prostete ihr zu. In seinen Augen zeigte sich Anerkennung für diese engagierte Frau:
„Dann stoßen wir doch darauf mit einem guten Tropfen aus unserer Binger Gegend an!“
„Wissen Sie“, gestand Elfriede plötzlich, „da ist noch etwas, was mich stutzig machte. Meine Nichte Franz ist ein Kaliber für sich… Ich glaube, sie sagt mir nicht die Wahrheit über diesen Tonio. Sie ist wie meine Schwägerin, die oft genug gelogen und Paul damit unglücklich gemacht hat. “
„Wie meinen Sie das? Ich erinnere mich doch genau an ihre Schwägerin, als sie noch in dem Süßwarenladen gearbeitet hat. Wie ich schon sagte, später ist sie eine Dame geworden, die uns nicht mehr kennen wollte.“
„Eben… deswegen habe ich auch keinen Kontakt mit ihr gehalten. Aber nun sehe ich mich gezwungen, sie zu besuchen und einige Geheimnisse der Familie ans Licht zu bringen.“ Eigentlich wunderte sie sich über sich selbst. Weil es nicht in ihrer Natur lag, mit einem Fremden über Familienangelegenheiten zu sprechen. Doch Herr Schubart erweckte in ihr ein ungewöhnliches Vertrauen und … na ja auch eine bestimmte Sympathie.
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Inge Witte:
Elfriede verschluckte sich beinahe am Wein. Auch das noch! Sie senkte den Blick und drehte ihren Ring am Finger mit dem türkisgrünen Stein nach links und nach rechts. Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. Damit hatte sie nicht gerechnet oder, besser gesagt, nicht mehr gerechnet. Ihr Herz begann unregelmäßig zu pochen, als sie sich an eine Zeit vor vielen Jahren erinnerte. Die Zeit, als sie Max begegnet war, ihrer großen Liebe. Lange war das her und sie hatte geglaubt, dass ihr das nicht mehr passieren könnte, dass sie alles vergessen hatte. Und nun war es passiert und es fühlte sich an wie damals. „Elfriede, du bist verliebt!“, schoss es ihr durch den Kopf.
„Frau Goldstein, entschuldigen Sie mich bitte einen kurzen Moment.“ Karl Schubart schaute Elfriede direkt in die Augen, als sie aufblickte. „Ich bin gleich wieder da,“ hörte sie ihn sagen, während er in Richtung Küche davoneilte. Sie atmete hörbar aus und war dankbar für den Moment des Alleinseins. So hatte sie Zeit, sich ein wenig zu sammeln, bevor Karl zurückkehrte. „Nun nenne ich ihn schon heimlich beim Vornamen,“ dachte Elfriede und lächelte. Sie fing offensichtlich an, sich über dieses unvermutete, verrückte, ja einfach wundervolle Gefühl für Karl Schubart zu freuen.
Versonnen blickte sie auf und kehrte umgehend in die raue Wirklichkeit zurück, als sie Raffaela Bruni an der Restauranttür vorbeihuschen sah. Ihr neu entdecktes Gefühl für Karl musste leider warten. Sie würde es eh nicht genießen können, bevor eine Lösung für die aktuellen Probleme gefunden war.
Elfriede überlegte kurz, ob sie Raffaela folgen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie war sich noch nicht ganz sicher, aber wenn ihre Vermutung stimmte, dann gehörte Raffaela zur Familie wie Franziska und Stefanie. Und damit hatten die beiden dann ein weiteres Familiengeheimnis zu verkraften, wenn sie erfahren sollten, dass Raffaela ihre Halbschwester war. Es würde nicht einfach werden für die Mädchen, das spürte Elfriede ganz deutlich, aber nicht zuletzt die Ereignisse der vergangenen Tage zeigten Elfriede unmissverständlich, dass es Zeit war, die Geheimnisse der Vergangenheit zu lüften. Es war schon zu lange geschwiegen worden, viel zu lange, aus Scham und Angst und nicht zuletzt auch aus Liebe. Außerdem hatte sie dem Wunsch ihrer Mutter nachzukommen und inzwischen waren ihre Nichten erwachsen genug, um die Wahrheit über ihren Vater vertragen zu können und vielleicht verstehen zu können, dass auch geliebte Menschen nicht unfehlbar sind.
Elfriede seufzte. Ja, sie würde so schnell wie möglich mit Franz und Steffi reden und auch mit Raffaela! Das Problem war nur, dass nun neue Fragen aufgeworfen wurden, neue Rätsel gelöst werden wollten. Raffaela war, wie ihr schien, die außereheliche Tochter ihres Bruders, die verblüffende Ähnlichkeit mit Steffi schien das zu bestätigen. Aber in welcher Verbindung stand sie zu Julia, dem kleinen Mädchen mit den traurigen Augen? War sie ihre Mutter? Und Tonio, wie stand er zu den beiden? Was hatte er ihnen angetan, dass beide, besonders Julia, so große Angst vor ihm hatten? Und was lief da wirklich zwischen Tonio und Franz? Wie weit würde Franz für Tonio gehen? Auch Steffi gab ihr Rätsel auf. Sie, die immer den Kontakt zu ihr gepflegt hatte und sie in ihrer offenen, verantwortungsbewussten Art stets in zahlreichen Telefonaten auf dem Laufenden hielt, was ihr und Franziskas Leben anbelangte, hatte zuvor Tonio nie erwähnt und sich auch jetzt mit Äußerungen sehr zurückgehalten, wenn man mal von dem turbulenten Frühstück bei Franz absah.
„Frau Goldstein, darf ich...“ Erschrocken blickte Elfriede hoch. Sie bemerkte jetzt erst, dass Karl Schubart wieder am Tisch stand Er hielt ein hübsches Silbertablett in den Händen, auf dem zwei Gläser standen, in denen Sekt prickelte. Neben den Gläsern lag eine gelbe Teerose, die Herr Schubart nun Elfriede auf ihren Teller legte. Dann reichte er ihr ein Glas, nahm das andere in die Hand und schaute sie unverwandt an. Ihr Herz begann wieder unregelmäßig zu pochen. Um sich etwas zu beruhigen, griff Elfriede nach der Rose und roch an der duftigen Blüte. Sie erwiderte seinen Blick. „Danke, lieber Karl, ich darf Sie doch so nennen. Ich bin sehr, sehr froh, dass wir uns begegnet sind. Ich brauche den Rat eines Freundes und ich glaube, Sie sind mir inzwischen ein guter Freund geworden, wenn ich das sagen darf.“ Elfriede griff nach Karls Hand und zog ihn auf den freien Stuhl neben sich. „Ich habe meinen Nichten einiges zu erzählen, das sie unter Umständen etwas aus der Bahn werfen könnte.“ Elfriedes Stimme wurde so leise, dass Karl Schubart sie kaum verstand. „Wissen Sie, mein Bruder war nicht nur Beamter im gehobenen Staatsdienst, er hat auch für die Stasi gearbeitet.“
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Brita Link:
„Er konnte, als es die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten gab, ungehindert über die Grenze reisen. Er war Beamter im Auswärtigen Amt. Mit Sonderaufgaben sei er betraut, erzählte er immer wieder. Welche Aufgaben es gewesen sind, das wusste niemand.“
Herr Schubart hörte interessiert zu und nahm Elfriedes Hand. Wärme durchströmte ihren Körper. Dieses Gefühl war ihr verloren gegangen, nun ist es wieder da. Wie schön, denkt sie, auf meine alten Tage. „Bitte erzählen Sie weiter,“ sagte Herr Schubart, „das ist eine spannende Geschichte.“ „Nun bin ich nach Bingen gekommen, um meine Schwägerin und ihre Töchter aufzuklären, dass es noch eine Halbschwester gibt. Eine Halbschwester, die in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen ist. Es ist zu vermuten, dass er über Jahre ein Verhältnis mit ihrer Mutter hatte und auch aus diesem Grund immer wieder in die DDR reiste. Raffaela, ich bin mir fast sicher, dass sie die uneheliche Tochter meines Bruders ist, trägt nicht seinen Namen, aber die Körperhaltung, die Muttermale am Hals. Eine DNA könnte es bestätigen. Dazu müsste man aber meinen Bruder exhumieren. Welch ein Aufwand. Und ausgerechnet im Zug begegne ich ihr, so ein Zufall!
Sie ist bestimmt adoptiert worden und trägt jetzt den Namen Bruni. Ach, Herr Schubart, es ist alles so kompliziert und alle Aufklärung hängt nun an mir.“
„Elfriede, wenn Sie es zulassen, helfe ich Ihnen, helfe ich dir. Darf ich Du sagen?“ „Gerne!“ Wieder durchströmte Elfriede dieses wohlige Gefühl. Karl Schubart reichte ihr ein Glas Sekt. Sie prosteten sich zu, er beugte sich zu ihr und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
Ohne sich zu bedenken drehte Elfriede den Kopf und küsste ihn auf den Mund . Warum nicht, dachte sie, es tut so gut. Mit einem sanften Lächeln küsste er sie und legte seine Arme ganz um sie. Sie rührten sich nicht, genossen beide den Augenblick.
„Warum hat denn deine Schwägerin bei Hussel als Verkäuferin gearbeitet, wenn ihr Mann eine wichtige Nummer im Auswärtigen Amt war?“, fragte Karl und löste sich aus der Umarmung. „Ja, wer kann sich denn zwei Frauen leisten? Eine hüben und eine drüben. Das wird wohl der wahre Grund sein, weshalb meine Schwägerin alle alten Kontakte aufgegeben hat, weil sie niemand die Wahrheit sagen will. Dass er drüben Frauen hatte, das wusste sie, aber nichts von Raffaelas Existenz. Ich habe erst am Sterbebett meiner Mutter davon erfahren. Ihr hat mein Bruder sich über Jahre anvertraut. Sie war es, die es nicht wollte, dass mein Bruder die Scheidung einreicht. Was würden denn die Leute sagen?“
„Wenn er für die Stasi gespitzelt hat, erhielt er doch ein doppeltes Gehalt?“, sinnierte Karl. „Vielleicht hatte er noch ein paar Frauen, Frauen kosten viel Geld,“ sagte Elfriede lachend. „ Gerne würde ich ihn fragen, leider lebt er nicht mehr und hinterlässt mir dieses ganze familiäre Durcheinander. Und dabei habe ich noch gar nicht den Platz für die kleine Julia in diesem Puzzle gefunden.“
„Elfriede“, sagte Karl Schubart feierlich, „darf ich dich heute endlich zum Abendessen einladen?“ Elfriede nickte strahlend. Das Glücksgefühl war wieder da.
In diesem Moment hörten sie Schritte draußen vor der Rezeption. Karl Schubart ging hinaus. „Raffaela!“, hörte Elfriede Karl erstaunt rufen. Sie stürzte aus dem Gastraum. Weinend stand Raffaela vor ihnen. „Ich habe einen Fehler gemacht, ich möchte mich entschuldigen und das Zimmer zahlen, das ich mit Julia bewohnt habe.“ Am ganzen Körper zitternd hielt sie Karl Schubart eine Kreditkarte hin.
„Das Geld ist im Moment nicht wichtig, erzählen Sie, wo ist die kleine Julia?“
„Sie ist bei ihrem Vater.“ „Ihrem Vater?“, fragten Elfriede Goldstein und Karl Schubart erschrocken wie aus einem Munde. „Antonio Carletti ist ihr Vater, mich hat er vorübergehend als Kinderfrau engagiert, damit er sich ungestört hier in Bingen eine neue Existenz aufbauen kann.“
Mit meinem Geld, dachte Elfriede zerknirscht und machte ein säuerliches Gesicht. . „Hat sie denn keine Mutter?“, fragten Elfriede und Karl wieder gemeinsam.
„Sie ist bei dem Autounfall ums Leben gekommen, bei dem Julia sich ihre schweren Verletzungen, die man im Krankenhaus feststellte, zugezogen hat.
Nicht zuletzt deshalb hat sie panische Angst vor Antonio, sie hat ihre Mutter sterben sehen. Antonio fuhr diesen Wagen. Er ist unschuldig, ein anderer hat sich die Vorfahrt genommen. Ich, ich bin durch Geldnot in diese Geschichte geraten.“ Raffaela weinte. Ich habe so viel falsch gemacht. Antonio ist manchmal etwas grob, aber er würde ihr nie etwas zuleide tun. Zu allem Unglück meint die Polizei, Antonio sei ein Schwerverbrecher.“ Er hat allerdings einen Zwillingsbruder, der schon einiges gedreht hat, auch mich bedrohte der schon, aber Antonio hat mit diesen Dingen nichts zu tun.“
„Wir müssen zur Polizei und alles berichten,“ entfuhr es Karl Schubart. Die kennen uns schon, dachte Elfriede genervt, warf wieder einmal einen sehnsüchtigen Blick auf ihre Staffelei und dann auf Karl Schubert. Raffaela weinte wieder: „Ich hätte Ihnen einfach die Wahrheit sagen müssen, aber nachdem mir Julia davongelaufen war, war ich vollkommen durcheinander.“
Sie betraten die Polizeistation und trauten ihren Augen nicht. Vor ihnen standen Antonio und Julia. Unter dem Arm trug sie eine Binger Maus aus Stoff. Ihr kleiner Mund war schokoladeverklebt. Langsam ging sie auf Raffaela zu und stellte sich an ihre Seite, nahm sie an die Hand. Antonio schaute sie liebevoll an.
„Ja, leider steht Julia immer noch unter Schock. Deshalb reißt sie manchmal vor mir aus, obwohl der Unfall schon fast zwei Jahre her ist,“ sagte Antonio mit Bedauern in der Stimme.
„So klärt sich alles auf. Herr Carletti hat sich ausweisen können, sein Zwillingsbruder agiert bundesweit unter seinem Namen,“ sagte der Polizeibeamte nachdenklich. „Auch der Diebstahl der Navigationsgeräte geht auf sein Konto. Frau Goldstein, Ihre Nichte bemerkte nicht, dass es nicht Antonio war, der sie zwang, hier eine Falschaussage zu unterschreiben. Wie heißt das Sprichwort: Liebe macht blind.“ „Kann ich zurück nach Berlin?“, fragte Raffaela den Beamten. „Ich bekomme dort wieder Arbeit in einem Kindergarten.“
„Ja, unterschreiben Sie hier und geben Sie uns Ihre Adresse, falls wir Fragen haben.“ Der Beamte füllte das Formular aus. „Sie können alle gehen, die Fahndung nach Ihrem Bruder läuft, Herr Carletti. Bitte bleiben Sie in Bingen, damit Sie uns helfen können, Ihren Zwillingsbruder zu fassen.“
Sie gingen hinaus in den Hof. Verunsichert standen sie einen Moment da. Keiner wagte ein Wort zu sagen. Die Stille war unerträglich. Julia musste niesen. Antonio gab ihr ein Taschentuch und streichelte ihr zärtlich über den Kopf. Julia ließ es zu und schaute Antonio an, immer noch mit Unsicherheit in ihren klaren Augen. Antonio räusperte sich, „Wollen wir uns alle heute Abend bei Franziska treffen und reden? Ich rufe Steffi an, sie muss dabei sein. Herr Schubart, Sie sind auch eingeladen.“ Schade, dachte Elfriede, viel lieber wäre ich mit Karl alleine gewesen. Mit dieser Wende konnte man nicht rechnen. Ihr Gewissen regte sich. Habe ich Franziska und Antonio Unrecht getan mit meinen falschen Verdächtigungen?
Vielleicht kann ich heute Abend Franziska, Stefanie und Raffaela zusammenbringen? Sie spürte, wie Karl Schubart seinen Arm unter ihren schob. Leise flüsterte er ihr zu: „Wir gehen morgen zusammen aus.“ Irgendwie sagte ihr ein Bauchgefühlt, dass ihr Leben in diesem Moment eine Wende nahm - mit diesem Mann - mit Karl Schubart.
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Beadettern Heim:
Elfriede hakte sich bei Karl unter. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg zurück ins Hotel. Wie viel Zeit bleibt mir noch, bis wir uns heute Abend wieder alle versammeln?, überlegte Elfriede. Sie hatte wirklich keine Lust die ganze Gesellschaft um sich zu haben, aber vielleicht würde dieses Treffen endlich ein wenig Licht in den Wirrwarr der Familie bringen. Und noch während sie sinnierte, was der Abend bringen würde, hörte sie Karl sagen: „Elfriede, komm lass uns noch gemeinsam einen Kaffee trinken, dann können wir ein bisschen reden." - „Karl, sei mir nicht böse, aber ich brauche jetzt vor allem Ruhe. Ich muss mich sortieren, versuchen Ordnung in dieses Familienchaos zu bringen. Ich verstehe so vieles nicht. Man sagt doch immer, es gäbe keine Zufälle im Leben. Ist es wirklich kein Zufall, dass Antonio mit Raffaela und Julia in mein Zugabteil poltert. Warum ist er nicht mit den beiden im Abteil geblieben, wenn er doch auch nach Bingen wollte? Was hat das zu bedeuten? Kannst du es mir sagen?“ – Sie schaute Karl an und suchte die Antwort in seinen Augen.
Was sie fand, war zwar nicht die Antwort auf ihre Fragen, aber was sie in seinen Augen sah, gefiel ihr auch nicht schlecht. Verständnis sah sie und Zuneigung, wenn nicht mehr als das. Die kleine Unmutsfalte zwischen den dunklen Brauen fiel ihr jetzt zum ersten Mal auf und ihr war klar, auch Karl hatte eine Geschichte. Von ihm wusste sie nicht viel, außer dass er sie vom Hauptbahnhof in Bingerbrück mit nach Bingen in sein Hotel genommen hatte. Wieder so ein merkwürdiger Zufall. An so viele Zufälle konnte und wollte Elfriede nicht glauben. Doch Karl war im Augenblick ihr rettender Strohhalm. Er würde sicher Verständnis zeigen, dass sie jetzt ein bisschen Ruhe brauchte. Ruhe und ihre Staffelei.
„Karl, ich brauche ein bisschen Zeit für mich. Ich fahre jetzt mit dir ins Hotel und dann ziehe ich mit meiner Staffelei los. Vielleicht bleibt uns ja ein Augenblick, wenn ich von meiner Exkursion zurückkomme.“ Er schaute Elfriede lange an. „Schade, ich wäre gerne dabei, wenn du zu Pinsel und Farbe greifst. Ich habe noch nie einer Künstlerin beim Malen über die Schulter geschaut. Darf ich?“ Elfriede zögerte. Zugegeben, die Gesellschaft von Karl tat ihr gut. Aber ging nicht alles ein bisschen zu schnell, auch die Sache mit Karl. Schließlich war sie keine fünfundzwanzig mehr. Das Gefühl, das sie mit Karl verband, war neu für sie. „Nein, bitte lass mich gehen“, bat sie ihn, und hoffte, dass er ihr die Abfuhr nicht gar zu übel nahm. Doch Karl war zu sehr Gentleman, um Elfriede seine Enttäuschung zu zeigen. „Warte, ich springe rasch hinauf und hole deine Staffelei. Du wirst noch lange genug zu Fuß unterwegs sein.“
Wenige Minuten später stand Karl vor ihr und reichte ihr die Malutensilien. Tatsächlich hatte er an alles gedacht. Sogar den kleinen Hocker hatte er ihr mitgebracht. „Darf ich dich wenigstens ein Stück bringen? Wo möchtest du überhaupt hin?“, fragte er sie. „Danke, Karl, das ist lieb gemeint, aber ich laufe gerne. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich komme schon wieder. Mein Orientierungssinn ist auch nicht schlecht und überdies habe ich mir doch tatsächlich im Fremdenverkehrsamt einen Stadtplan besorgt. Sei also unbesorgt, mein Lieber. Ich habe mein Asthmaspray in der Tasche, habe bequemes Schuhwerk an, und gegen Sonne und Regen habe ich ja meinen Muttertagsstrauß auf dem Kopf.“ Elfriede wurde nur selten energisch, aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich nur ungern davon abbringen.
Seit sie in Bingen war, hatte die Familie eifrig dafür gesorgt, dass sie bisher keines ihrer Vorhaben in die Tat umsetzen konnte.
„Ich denke, ich gehe jetzt erst einmal durch den Burggraben und dann vielleicht in Richtung Rochusberg. Mal sehen.“ Karl musste sich eingestehen, dass Elfriede wirklich keine Gesellschaft wollte und so drückte er sie nur kurz an sich und hauchte ihr einen Kuss auf den Hut.
Elfriede schulterte ihre Staffelei, rückte den Hut wieder zurecht und machte sich auf den Weg. Laufen macht den Kopf frei, dachte sie und machte sich beschwingt auf den Weg. Vorbei am Krankenhaus, das sie ja nun auch schon kannte, ging sie, um dann in der dunklen Stille des Burggrabens Ruhe zu finden. Welch eine Wohltat nach all diesem Trubel. Sie fand die Stufen, die etwas versteckt zur Burg hinauf führten und lenkte ihre Schritte dort hin. Die Aussicht von Burg Klopp solle großartig sein, stand im Reiseführer. Nun, sie würde es gleich mit eigenen Augen sehen.
Sie beugte sich über den Brunnenschacht, der im Innenhof der Burg Klopp prangte und schaute in die Schwärze. Dann wanderte ihr Blick zum Turm der Burg hinauf. Ob sie es wagen sollte? Ein paar Stufen waren es schon. Doch nein, die Besteigung des Turms würde warten müssen. Zu viel Anstrengung an einem Tag war in ihrem Alter nicht gesund. Sie durchquerte den Innenhof und schaute auf die Stadt und den Rhein. Der Panorama-Blick auf das Binger Loch faszinierte sie. Gleichwohl konnte sie nicht umhin festzustellen, dass es einige Gebäude gab, die das romantische Idyll störten. Zu Zeiten Victor Hugos, Friedrich Schlegels oder William Turners hat es hier romantischer ausgesehen. Und doch war sie berührt von der Schönheit des Rheintals. Sie umrundete den Turm und entdeckte eine schmiedeeiserne Tür. „Was für ein Gemälde“, entfuhr es ihr, als die Basilika sich malerisch hinter den Gitterstäben der Pforte zeigte.
Sie machte rasch ein Foto, um die Idee für ihr Gemälde festzuhalten. Noch schien ihr die Sonne zu stark, um sich mit Staffelei und Pinsel niederzulassen. Im Wald wäre es wohl angenehmer.
Lautes Stimmengewirr störte ihre stille Betrachtung. Offenbar war eine Schulklasse im Burghof angekommen. Die jungen Leute hatten es sich auf dem Brunnenrand bequem gemacht. Na so was, dachte Elfriede, wenn das mal nicht die jungen Franzosen mit ihren Gastfamilien sind.
Sie folgte der Wegbeschreibung der blonden Dame, die soeben die Schülergruppe sehr herzlich begrüßt hatte. Bei allem Tohuwabohu hatte sie noch Zeit gefunden, Elfriedes Frage nach dem Weg zu beantworten. „Sie malen?“, hatte die freundliche Dame mit Blick auf die Staffelei interessiert gefragt, und ihr dann auch noch ihren Lieblingsplatz empfohlen. „Auf dem Waldfriedhof finden sie einen wunderbaren Aussichtspunkt. Dort ist sogar eine Bank und eine himmlische Ruhe,“ sagte sie und nickte mit einem Augenzwinkern in Richtung Schülergruppe.
Elfriede nahm den Tipp dankbar an. Bei dem Wort Friedhof fiel ihr wieder ein, dass die Geschichte der Familie auf ihren Schultern lastete. Ja, sie würde zum Friedhof gehen. „Gibt es in Bingen nicht auch noch einen jüdischen Friedhof?“, fragte sie. „Aber natürlich. Nicht weit vom Waldfriedhof. Eine Straße weiter geht es rechts in den Wald. Von dort ist es nicht weit. Den Schlüssel bekommen Sie...“
Den letzten Satz hatte Elfriede schon gar nicht mehr gehört. Sie war schon auf dem Weg zum Friedhof.
Ein guter Platz, um Gedanken zu sortieren, dachte Elfriede, als sie, der Beschreibung der netten Dame folgend, auch die Bank mit der wunderbaren Aussicht gefunden hatte. Sie setzte sich nieder und schaute nun von oben auf die Stadt am Rhein. Sogar das Gartenschaugelände konnte sie erkennen – und den Bahnhof.
Antonio, dieser merkwürdige Zwilling, kam ihr wieder in den Sinn. Sie hatte schon viel gehört darüber, dass eineiige Zwillinge sich sehr ähnelten. Aber, sollte es wirklich möglich sein, dass Franz „ihren“ Toni mit seinem Zwillingsbruder verwechseln würde? Niemals. Elfriede war sicher, dass ihr niemand einen falschen Fuffziger unterjubeln könne. Man stelle sich vor, es hätte ihren Max in doppelter Ausführung gegeben. Nein, so sehr kann Liebe nicht blind machen. Irgendetwas an diesem Antonio schien ihr mysteriös. Sie drehte gedankenverloren an ihrem Ring mit dem türkisfarbenen Stein.
Dieser Antonio gab ihr das größte Rätsel auf. Tauchte gleich zweimal auf in ihrem Leben. Zuerst im Zugabteil, dann plötzlich in Bingen und auch noch mit Franz. Auch die Veränderung ihrer Nichte Franziska gefiel ihr nicht. Antonio, der Mann mit den zwei Gesichtern, überlegte Elfriede. Hätte er mich nicht doch erkennen müssen? Nein, entschied sie. Er hat mich im Zug wirklich nicht wahrgenommen. Er war viel zu beschäftigt mit Raffaela und Julia und rabiat war er noch dazu. Wie aber gehören Raffaela und Julia in dieses Puzzle. Auch die Ähnlichkeit zwischen Raffaela und Stefanie ließ sie nicht los.
Sie blickte auf ihre Leinwand, die sich wie von Zauberhand gefüllt hatte. Doch es war nicht das berühmte Binger Loch, das sie auf Leinwand bannen wollte, sie hatte vielmehr begonnen, einen Stammbaum der Familie Goldstein zu skizzieren.
In Gedanken versunken hatte sie ihre Ausrüstung wieder geschultert. Sie wollte nur noch rasch einen Blick auf den jüdischen Friedhof werfen. Die Tür war verschlossen. Und so blieb Elfriede auf dem Waldweg, bis sie zu einem runden Tisch aus Stein kam. Darauf lagen ein Handy und ein Fotoapparat. Seltsam, dachte sie, und schaute sich um. Es war niemand zu sehen.
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Claudia Zwarg:
Nun, was sollte sie tun? Ignorieren und weitergehen? Elfriede schüttelte den Kopf, streckte die Hand aus und in dem Moment, in dem sie das Handy berührte, hüpfte es wild auf dem steinernen Tisch herum und schrie aus Leibeskräften „Triller“.
Einen Laut des Entsetzens ausstoßend, sprang Elfriede zur Seite und fasste sich ans Herz, das wie wild in ihrer Brust schlug. Das Handy tobte indessen ungehemmt weiter, bis es nach einer Weile abrupt verstummte.
„Tante Friedchen?“, ertönte es hinter ihr und Elfriede zuckte ein zweites Mal binnen kurzer Zeit heftig zusammen. Sie drehte sich herum.
„Stefanie! Mein Gott, hast du mich aber erschreckt!“
„Tut mir wirklich leid, Tante Friedchen. Das wollte ich nicht! Komm setz dich, du siehst gar nicht gut aus!“
„Na, vielen Dank!“, murmelte Elfriede und kam dem Rat ihrer Nichte nach. Stefanie holte eine Thermoskanne aus ihrem Rucksack und reichte ihrer Tante eine Tasse gekühlten Tee.
„Hier, trink auf den Schreck. Bist du ganz alleine hier oben?“
„Ich schon, und du?“
Stefanie goss sich ebenfalls einen Tasse Tee ein und setzte sich zu ihrer Tante.
„Weißt du, dies hier ist mein Lieblingsplatz, wenn ich nicht gerade mit Melody ausreite. Hier habe ich die nötige Ruhe und kann ungestört für die Schule büffeln.“
Stefanie stellte ihre Tasse ab und griff nach dem Fotoapparat, der auf dem Tisch lag.
Sie zoomte ihre Tante nahe heran und drückte auf den Auslöser. Anschließend betrachtete sie mit leuchtenden Augen das geschossene Bild und knipste gleich darauf noch ein weiteres.
„Ist das eines dieser neumodischen Geräte?“, fragte Elfriede interessiert.
„Ja, eine Digitalkamera. Schau, wie gut du getroffen bist!“ Stefanie lächelte und deutete auf das Display ihrer Kamera.
„Willst du sehen, wer mir in letzter Zeit noch so alles vor die Linse gekommen ist?“
Elfriede nickte.
„Schau her, das hier ist Franz, hier noch mal Franz, das ist Melody auf der Weide und das hier, das ist mein ... Freund. Er macht gerade ein Auslandspraktikum in Australien. Wenn er mit seinem Studium fertig ist, wollen wir zusammenziehen!“ Stefanie atmete tief durch, ehe sie mit ihren Betrachtungen weiterfuhr. „Ah, hier haben wir ja unseren Allerbesten. Antonio!
Du magst ihn nicht besonders, stimmt’s?“, fragte Stefanie.
„Ich müsste lügen, wenn ich ja sage!“, antwortete Elfriede zerknirscht.
„Ich auch nicht. Keine Ahnung, was Franz in diesem Mann sieht. Mit dem halst sie sich doch nur Probleme auf!“
„Und was sagt deine Mutter dazu?“
„Ach Mama!“, winkte Stefanie ab.
„Kommst du nicht gut mir ihr klar?“
„Nein, ich war mehr auf Papa fixiert. Er fehlt mir. Trotz allem, was jetzt Unschönes über ihn ans Tageslicht kommt! Ich kann das alles gar nicht glauben. Meinst du wirklich, Raffaela ist meine Halbschwester?“
Elfriede drückte sanft die Hand ihrer Nichte. „Es sieht ganz danach aus, sicher weiß ich es natürlich nicht. Aber ich habe einen guten Juristen eingeschaltet, der für mich recherchieren wird. Du … scheinst deinen Vater sehr geliebt zu haben!“
Stefanie nickte. „Er war uns immer ein guter Vater und durch ihn habe ich auch meine Liebe zur Geschichte entdeckt, vor allem zur jüdischen!“
„Unser Vater war das krasse Gegenteil!“, murmelte Elfriede leise.
„Ja, ich weiß, Tante. Papa hat oft von früher erzählt, von dir, eurer jüngeren Schwester und vor allem von eurem strengen Vater. “
„Ja“, seufzte Elfriede. „Dein Opa Jakob war wahrlich kein Mustervater. Aber vielleicht hat ihn der frühe Verlust seiner geliebten Mutter zu diesem unnachgiebigen, hartherzigen Mann gemacht.“
„Ach ja, Uroma Sarah. Sie muss eine großartige Frau gewesen sein, nach allem, was ich so von ihr gehört habe. Wir grausam, die Dinge, die damals geschehen sind. Papa sagte, dass sie durch ihre juristischen Verbindungen so vielen in eurer Verwandtschaft das Leben retten konnte und am Ende keine Zeit mehr hatte, sich selbst in Sicherheit zu bringen!“
Elfriede schluckte bei dem Gedanken daran, dass das Leben ihrer Großmutter in Theresienstadt ein jähes Ende genommen hatte. So hatte sie sie nie kennen lernen können.
„Weißt du eigentlich, Tante Friedchen, dass hier in Bingen sogenannte Stolpersteine verlegt werden zur Erinnerung an deportierte jüdische Bürger, die einmal hier gelebt haben? Schade, dass Uroma Sarah keine Bingerin war… Äh! … Wenn du jetzt noch über den jüdischen Friedhof gehen willst, Tante Friedchen, hole ich dir den Schlüssel. Zeit genug ist ja noch, bis wir uns bei Franz treffen.“
Aufgekratzt von dem Gespräch mit Stefanie und der anschließenden Begehung des Judenfriedhofes kam Elfriede über eine Stunde später als geplant im Hotel an, in dem Karl Schubart bereits auf sie wartete.
„Kann ich dich kurz sprechen?“, fragte er ernst und Elfriede nickte.
„Herr Scholz von der Polizei war vor einer guten halben Stunde hier. Man hat Angelo Carletti gefasst, den Zwillingsbruder von Antonio. Und laut seiner Aussage, und jetzt halt dich fest, Elfriede, laut diesem Angelo arbeiten beide Brüder Hand in Hand. Was auch immer das heißen mag!“
Elfriede wurde blass und begann bedenklich zu wanken.
„Elfriede?“
„Kannst du mir einen Gefallen tun, Karl?“
„Jeden, Elfriede!“
„Sei doch bitte so lieb und rufe Franziska an. Sag ihr, dass ich heute Abend beim besten Willen nicht kommen kann. Wir müssen das Gespräch verschieben!“
Kraftlos ließ sich Elfriede wenige Minuten später auf ihr Bett sinken. Sie war, bis auf gelegentliche Asthmaanfälle, eine recht gesunde Frau, wenn man bedachte, welche Wehwehchen andere Menschen ihres Alters plagten. Aber die monatelange, Kräfte zehrende Pflege ihrer bettlägerigen Mutter, die Beerdigung, die Nachlassregelung, alles war an ihr hängen geblieben. Dazu die Aufregungen der letzten Tage. Nein, sie fühlte sich im Augenblick alles andere als gut. Und dabei hatte sie sich so auf ihren Aufenthalt in Bingen gefreut…
Es klopfte leise an der Tür und Karl Schubart trat mit einem Tablett in der Hand ins Zimmer. „Ich hab dir etwas zur Stärkung mitgebracht und Franziska angerufen habe ich auch.“
„Ich danke dir, Karl. Ich hoffe, ich habe dich heute Nachmittag nicht zu sehr verletzt, als ich dich abgewiesen habe.“
„Nein, Elfriede. Hast du nicht. Aber vielleicht könnten wir morgen etwas zusammen unternehmen. Natürlich nur, wenn es dir wieder besser geht!“
„Gerne, Karl!“
Als Elfriede am anderen Morgen aufstand, dachte sie, es geht doch nichts über einen erholsamen Schlaf. Wie ein junges Ding hüpfte sie aus dem Bett und kleidete sich an. Karl wartete schon mit leuchtenden Augen auf sie.
„Gut siehst du aus, Elfriede. Schau nur, was für ein super Wetter wir heute haben. Das wird ein herrlicher Tag!“
Und Karl hatte nicht zu viel versprochen. Gemeinsam fuhren sie mit den Rädern rheinaufwärts den Rheinauenpfad entlang, Elfriede mit ihrer Staffelei auf dem Gepäckträger, und Karl kommentierte mit seiner ruhigen, sonoren Stimme die eine oder andere Sehenswürdigkeit. Sie machten Rast an einem idyllisch am Wasser gelegenen Biergarten und stillten ihren Durst mit einer erfrischenden Apfelschorle.
„Das ist ja herrlich“, schwärmte Elfriede und genoss den Ausblick auf den Rhein und die mitten im Wasser liegenden Inseln.
„Es wird noch besser!“, versprach Karl und führte sie lächelnd weiter. Richtiges Entzücken entlockte er Elfriede, als er sie zu den Resten der alten Hindenburgbrücke führte und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich von dort wieder loseisen konnte.
Sie radelten einträchtig nebeneinander her und Karl übte sich weiter als Fremdenführer. Er deutete auf alte Pappeln, in deren hohen Kronen sich Storchennester befanden, wies hie und da auf seltene Vogel- und Pflanzenarten hin und Elfriede war ganz hin und weg. Vergessen waren Franz und Stefanie, Antonio und sein leidiger Zwillingsbruder, Raffaela und die kleine Julia. Vergessen all die zahlreichen Enttäuschungen und Entbehrungen in ihrem Leben. Hier waren nur sie und Karl und das Paradies, durch das er sie führte. Karl kannte sich bestens aus und führte sie zielstrebig weiter, bis zu einem schattigen Plätzchen, mit Blick auf einen Altrheinarm.
„Hier machen wir Rast, Elfriede. Dann kannst du dich ausruhen, etwas essen, malen oder was auch immer du willst!“
Karl entnahm seinem Rucksack eine karierte Wolldecke und breitete sie auf der Erde aus. Elfriede staunte nicht schlecht, als auch noch frische Brötchen, Fleischwurst und ein erfrischendes Getränk dazu kamen.
„Ein richtiges Picknick!“, stammelte sie ergriffen und setzte sich neben Karl auf die Decke.
„So etwas habe ich schon lange nicht mehr gemacht!“
Karl strahlte, legte seinen Arm behutsam um Elfriede und zog sie näher zu sich.
„Ach Elfriede, es tut so gut, mit dir zusammen zu sein. Seit ich dich kenne, lebe ich regelrecht auf“, gestand er ihr, „meine Frau litt viele Jahre an Multipler Sklerose und ist vor vier Jahren ihrem Leiden erlegen. Ich komme mit der Einsamkeit gar nicht gut zurecht.“
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Hildegard Weber:
Elfriede schlug ihre Augen nieder, sie lächelte verlegen. Es ist lange her, dass ein Mann ihr solche Worte sagte. Diese taten ihrer Seele gut. Sie schwieg.
„Grüble nicht so viel, Elfriede“, durchbrach Karl das Schweigen. „Carpe diem – mache das Beste aus dem Tag, das war stets mein Wahlspruch. Nur so habe ich meine schlimme Zeit überstehen können.“
„Ja Karl, du hast Recht. Die Überraschung, mit einem Picknick, ist dir wirklich gelungen. Ich sitze gerne am Wasser, dieser herrliche Strom mit seinen Inseln und Auen fasziniert mich jeden Tag aufs Neue. Der Geruch des Wassers, erinnert mich ans Meer. Dort saß ich stundenlang, schaute den Wellen zu, die leicht gekräuselt die Steine umspielten. So wie hier. Schau, das Schiff, wie es das Wasser durchschneidet und die Wellen an den Strand wirft. Früher reiste ich viel, meine Familie lebt in aller Herren Ländern verstreut.“ Elfriede sprudelten die Worte aus ihrem Mund, endlich verschwand ihre Melancholie.
So verging Stunde um Stunde. Es wurde Abend, sie brachen auf. Karl legte die Decke zusammen, Elfriede packte den Picknickkorb, dann rückte sie ihren Allroundhut in Position. Sie schoben ihre Räder den Rheinauenpfad entlang. Die Vögel zwitscherten die Abendstimmung ein und der Duft der Pappeln begleitete sie noch eine Weile. Dann radelten sie, ohne Hast, der untergehenden Sonne entgegen.
Im Hotel angekommen, riss die Arbeit Karl sekundenschnell aus seinen Träumen. Er küsste Elfriedes Hand, schaute ihr noch einmal tief in ihre Augen und verabschiedete sich.
Beschwingt, wie ein junges Mädchen, lief sie die Stufen hoch, zu ihrem Zimmer. Sie legte sich aufs Bett, stieß einen langen Seufzer des Wohlbehagens aus, schaltete das Radio ein; „Dancing Queen“, ihr Lieblingslied, das rundete den Tag ab. Sie lächelte und schlief ein.
Der nächste Morgen brachte für Elfriede ein Wechselbad der Gefühle. Dieser wunderschöne Nachmittag mit Karl – sollte sie wieder einen Partner an ihrer Seite wissen? In seiner Gegenwart lösten sich viele ihrer Ängste in Wohlgefallen auf. Jedoch spürte sie auch Niedergeschlagenheit. Sie saß in ihrem Hotelzimmer, hörte nichts außer den Worten, die ihr im Kopf herumgingen. Hier in Bingen wollte sie sich ihrer geliebten Malerei hingeben, ihre Nichten treffen und, wenn die Zeit reif war, über das Geheimnis der Familie sprechen. Bis jetzt war ihr nicht gelungen, einen ihrer Vorsätze zu verwirklichen. Die Ereignisse der letzen Tage kosteten Zeit, sie flog ihr davon. Sie musste sich ihrer Aufgabe stellen, heute noch! Dazu brauchte sie ein paar Stunden in der Einsamkeit, um sich vorzubereiten. Sie war fest entschlossen dazu. Aber ihr Kopf musste frei werden, frei, für die schönen Dinge des Lebens. Sie griff zum Telefonhörer und wählte ihre Stefanie an.
„Hallo Steffi, hier ist Elfriede, können wir uns heute Abend treffen? Ich lade dich und Franziska zum Essen ein. Die Burg Klopp wäre schön – wir müssen reden. Bitte rufe Franziska an. Gut, dann bis heute Abend.“
Elfriede ging zum Frühstück. Karl begrüßte sie mit einem Handkuss, setzte sich zu ihr an den Tisch und fragte: „Du schaust besorgt.“ „Ach Karl, es war so ein wunderschöner Nachmittag. Jedoch holt mich die Wirklichkeit schmerzlich auf den Boden zurück. Meine Nichten, ich erzählte Dir davon.
Es wird Zeit, dass sich bald alles aufklärt. Bitte bestelle mir ein Lunchpaket. Ich brauche heute das Alleinsein, um meine Gedanken zu ordnen.“
Karl schwieg, küsste wieder ihren Handrücken, nickte zustimmend und ging Richtung Küche. Natürlich respektierte er ihren Wunsch.
Nach dem Frühstück packte Elfriede ihren Rucksack, ging zur Rezeption, nahm das Lunchpaket entgegen und verabschiedete sich von Karl. Er brachte sie zur Tür und schaute ihr noch lange nach.
Es wurde Abend, Steffi und Franziska fuhren zum Hotel, um die Tante abzuholen. Elfriede war nicht da. Wo war sie?
Sie trafen auf Herrn Schubart, der gerade aus seinem Büro in die Halle kam. Er berichtete ihnen, dass Elfriede sich ein Lunchpaket bestellt hatte. Sie habe einige Stunden allein sein wollen, aber wohin sie gegangen war, wisse er nicht. Die Mädels erzählten von ihrer Verabredung zum Essen, Elfriede war die Pünktlichkeit in Person. Es musste ihr etwas passiert sein, ein Asthmaanfall vielleicht? Steffi befürchtete das Schlimmste, Tränen stiegen ihr in die Augen. Franziska, taff wie immer, hatte die Situation im Griff und wollte eine Suchaktion organisieren, notfalls die Polizei einschalten.
Karl spürte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Er beruhigte Steffi und schlug vor, Elfriede erstmal gemeinsam zu suchen.
„Es ist besser, wir trennen uns“, sagte Karl. „Wo könnte sie hingegangen sein?“
„Ich muss mein Fahrrad holen, ich muss am Rhein entlang suchen“, rief Franziska.
„Nein, nein, das dauert zu lange. Nehmen Sie das“, er zeigte ihr das Fahrrad in der Hoteleinfahrt, „es gehört unserem Lehrling, er hat sicher nichts dagegen. Ich fahre mit meinem Auto, durch die Straßen der Stadt, und suche am Waldfriedhof. Da war sie vor ein paar Tagen und schwärmte von der Aussicht.“
„Und ich fahre mit dem Wagen den Rochusberg hoch“, rief Steffi ganz aufgeregt. „Wenn sie alleine sein wollte, war das der richtige Ort.“
Franziska versuchte mit dem Handy Tonio zu erreichen. Der meldete sich gleich und war entsetzt von der neuen Nachricht. Tonios erster Gedanke galt seinem Zwillingsbruder. Hatte dieser Schuft der alten Dame aufgelauert, weil er von ihrem Vermögen wusste? Er beteiligte sich selbstverständlich an der Suche.
Er wusste, dass die Polizei keine Beweise gegen Gino wegen der neueren Sachen in der Hand hatten, er war wieder frei. Nur seine eigene Aussage konnte Gino ins Gefängnis bringen. Tonio hatte wirklich genug, er wollte sich endlich von allem Verdacht reinwaschen. Zorn stieg in ihm auf.
Wenn Gino noch in der Stadt war, musste er den Wald absuchen. Er hauste stets in seinem alten Campingwagen. Nur in welchem Wald? Sein Gefühl führte ihn Richtung Rochusberg.
Oben angekommen traf er auf Steffi, die weinend umherlief, sie hatte den Rucksack und den Hut ihrer lieben Tante gefunden, aber keine Spur von ihr. Tonio benachrichtigte Franzi. Diese stieß eben auf Herrn Schubart, der gerade in die Hoteleinfahrt einbog. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Systematisch suchten die Vier nun den Rochusberg ab.
In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne sah Tonio auf einer Lichtung etwas blitzen. Da stand ein Wagen, war das der Van seines Bruders?
Er schaute sich nach den anderen um, sagte nichts und schlich sich davon. Er versuchte so leise wie möglich zu sein, doch das morsche Gehölz im Unterholz knackte unter seinen Füßen. Endlich erreichte er die Lichtung. Hinter einem Baum versteckt, beobachtete er eine Gestalt. Er erkannte Gino sofort. Sollte er die Polizei benachrichtigen? Nein, er war sein Bruder. Vielleicht hat er auch gar nichts mit Elfriedes Verschwinden zu tun. Dann hörte er eine Stimme, die Stimme der Tante, ohne Zweifel. Tonio verließ sein Versteck und spielte seinem Bruder ein freudiges Wiedersehen vor. Doch dieser war argwöhnisch wie immer. Vorsichtig verwickelte er Gino in ein lautes Gespräch, sodass die Tante ihre Stimmen hören konnte. Jetzt nutzte er die Gelegenheit und fragte ihn spontan, warum er ihn nicht hereinbitte, sie müssten reden.
Gino wurde nervös. Tonio erkannte, dass er jetzt handeln musste. Er ging auf seinen Bruder zu, packte ihn am Arm und schlug mit der Faust auf ihn ein. Dieser taumelte zurück, fiel über einen Ast und blieb regungslos am Boden liegen. Sein Kopf war auf einen großen Stein geschlagen. Tonio ging zu seinem Bruder, er fühlte seinen Puls und stellte mit Erleichterung fest, dass er nur bewusstlos war. Vorsichtshalber fesselte er ihn mit seinem Gürtel. Im Wagen fand er Elfriede, völlig verstört. Gino hatte ihre Hände mit einem Seil zusammengebunden.
Tonio befreite die Tante, die ihn erstaunt ansah. Dann nahm er sie auf den Arm und trug sie nach draußen. Jetzt wählte er Franzis Handynummer.
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Birgitt Brauske:
Der stille Rochusberg war auf einmal gar nicht mehr so still. Zwei Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn hielten mit quietschenden Reifen am Parkplatz vor der Rochuskapelle, wo bereits ein Streifenwagen der Polizei wartete.
Dann holten die Sanitäter den immer noch bewusstlosen Gino auf einer Bahre aus einem schmalen Seitenweg am Fuße der Kapelle. Antonio lief aufgeregt gestikulierend nebenher und stieg dann, ohne nach rechts und links zu schauen, in den hinteren Teil des Krankenwagens, der in schneller Fahrt den Rochusberg hinunterjagte, den Streifenwagen im Gefolge.
„Blut ist halt doch dicker als Wasser!“, tröstete Stefanie ihre weinende Schwester. Franz lehnte den Kopf an ihre Schulter und konnte kaum glauben, wozu dieser Mann, dem sie bisher uneingeschränkt vertraut hatte, fähig war.
Sie ging, auf Stefanie gestützt, zu dem anderen Krankenwagen, wo ihre Tante Elfriede am Arm eines Sanitäters es immerhin schaffte, selbständig in das Wageninnere zu klettern. Ein schwerer Asthmaanfall, ausgelöst durch den Schock der Entführung, hatte sie so geschwächt, dass sie ebenfalls ins Heilig-Geist-Hospital gebracht werden musste. Ihre Nichten saßen eng aneinander gepresst neben ihr und wärmten ihre eiskalten Hände, während der Krankenwagen ebenfalls den Rochusberg hinabfuhr. Und dann wieder Totenstille.
Der einzige, der völlig verstört zurückblieb, war Karl Schubart. Er stand mutterseelenallein vor dem finsteren Portal der Rochuskapelle. Sein Blick streifte ziellos über die matt rötlich strahlende Fassade, mühsam versuchte er sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Die letzten Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau hatte er sehr ruhig und zurückgezogen gelebt und sich weitgehend von allen Aufregungen ferngehalten. Doch kaum hatte er vorsichtig aus seinem selbstgewählten Schneckenhaus herausgeschaut und Elfriede gesehen, mit der er sich endlich wieder eine Zweisamkeit vorstellen konnte, war dieser Sturm der Ereignisse über ihn hinweggefegt.
Karl Schubart tappte zu seinem Wagen, lud geistesgegenwärtig das Rad seines Lehrlings ein, das Franziska achtlos ins Gebüsch geworfen hatte, und lenkte sein Auto bedächtig den dunklen Berg hinunter. Zu Hause angekommen hatte er nur noch den einen Wunsch, tief und fest zu schlafen. Morgen würde er dann mit einem großen Blumenstrauß zu Elfriede ins Krankenhaus eilen und hoffen, dass der Wahnsinn endlich aufhören würde und er mit ihr noch ein paar entspannte Tage am Rhein verbringen könnte.
Doch weit gefehlt: Als er am nächsten Morgen das sonnendurchflutete Foyer des Heilig-Geist-Hospitals mit 10 zartgelben Rosen betrat, wurde er direkt von einem Polizeibeamten in Empfang genommen, der ihn zu den Ereignissen des letzten Tages befragen wollte. Das brachte sogar den geduldigen Karl Schubart außer Fassung. Er ließ den verdutzten Beamten stehen und eilte umgehend ans Krankenbett seiner Elfriede.
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Jutta Gresch:
„Raffaela? Raffaela Bruni? Das ist nicht dein Ernst!“ Karl Schubarts Augen wurden immer größer, während Elfriede, die sich erstaunlich schnell von den Ereignissen des vorigen Tages erholt zu haben schien, berichtete, welche Neuigkeiten die Polizei ihr am frühen Morgen überbracht hatte.
Angelo Carletti, ohnehin auf frischer Tat ertappt, hatte unumwunden Elfriedes Entführung gestanden. Dabei stellte sich heraus, dass er eine Komplizin hatte: Raffaela Bruni! Wie Elfriede jetzt wusste, war Raffaela in der Tat die außereheliche Tochter ihres Bruders Paul. „Ich hab’s gewusst!“, entfuhr es Elfriede an dieser Stelle. „Die Ähnlichkeit mit Stefanie war einfach zu stark. Aber wie kam dieses raffinierte Luder bloß auf mich?“ „Raffaela Bruni ist Angelo Carlettis Geliebte“, erklärte der Polizeibeamte. „Gemeinsam hat das feine Pärchen Antonio Carlettis Not nach dem Tod seiner Frau ausgenutzt. Sie versprachen ihm einen Anteil an Raffaelas Erbe, wenn er ihnen Zugang zu den Goldsteins verschaffen würde. Und so kam es, dass die kleine Julia bei Raffaela bleiben musste, während Antonio hier in Bingen mit dem „Unternehmen Franz“ beschäftigt war. Von ihr erfuhr er dann auch, dass Sie, Frau Goldstein, nach Bingen kommen würden. Das „zufällige“ Treffen im Zug und die Unterbringung im gleichen Hotel waren schnell eingefädelt. Und eine Entführung schien dann wohl der schnellere Weg zu Ihrem Vermögen.“
„Ich verstehe nur nicht, wieso Antonio mich dann befreit hat. Vielleicht hat er ja doch echte Gefühle für Franziska entwickelt?“, fragte Elfriede Karl an diesem Punkt ihres Berichts. „Für deine Nichte wird diese Wahrheit trotzdem ein herber Schlag werden“, gab Karl zu bedenken. Elfriedes Augen füllten sich mit Tränen, als sie an Franziska dachte. „Sie tut mir so leid. Nicht nur, dass ihre Gefühle derart enttäuscht werden; wie ich Franz kenne, wird sie sich schrecklich dafür schämen, dass sie diesen Ganoven auf den Leim gegangen ist.“
„Meinst du, du wirst mit deiner Nichte reden können?“, fragte Karl vorsichtig. „Das habe ich mir allein nicht zugetraut, Karl, dafür kenne ich das Mädchen doch zu wenig. Deshalb habe ich mir ein Herz gefasst und ihre Mutter angerufen.“
„Annemarie? Annemarie Goldstein?“, staunte Karl diesmal. „Ja, Karl. Annemarie. Und was du jetzt hörst, wird dich nicht weniger überraschen als die Geschichte von Raffaela Bruni.“ Elfriede erzählte, wie sie etwa zwei Stunden zuvor mit zittrigen Fingern Annemarie Goldsteins Nummer gewählt und ihre Schwägerin um ein Treffen gebeten hatte. Als Annemarie fragte, warum Elfriede sie sehen wolle, hatte sie vor Aufregung keinen vernünftigen Satz zustande gebracht. Sie hatte etwas von „Franz, Mutter, Paul, Geheimnis“ gestammelt, als Annemarie ihr freundlich, aber bestimmt in Wort fiel. „Mach dir keine Gedanken, Elfriede, ich bin im Bilde über die beruflichen und privaten Kapriolen des Vaters meiner Töchter. Dein Bruder hat seine Beichte schon vor vielen Jahren abgelegt. Das Leben danach war nicht einfach, aber inzwischen habe ich meinen Frieden damit geschlossen. Nur, den Mädchen die Wahrheit zu sagen, habe ich bisher nicht geschafft.“ Dann hatte Annemarie innegehalten. „Erwähntest du eben nicht auch Franziska? Was ist denn mit ihr?
Noch während Elfriede Karl berichtete, wie sie ihre Schwägerin in groben Zügen über die Ereignisse der letzten Tage informiert hatte, klopfte es an die Tür und Annemarie betrat das Krankenzimmer. Nachdem sich die beiden Damen erstaunlich herzlich begrüßt hatten, wandte sich Elfriede wieder Karl zu, der noch immer sprachlos an ihrem Bett saß. „Ich habe die Ärzte um meine Entlassungspapiere gebeten. Keine zehn Pferde halten mich hier, solange wir den Mädchen nicht die Wahrheit gesagt haben. Annemarie und ich haben beschlossen, diesen schweren Weg gemeinsam zu gehen. Wir treffen Franziska und Stefanie später in der Rochsallee. Und danach…“
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Gabriele Brassard:
... und danach ...
Ja, was war danach? Worauf hatte sie sich hier eingelassen? In der Hoffnung, ihre Schreibblockade endlich überwinden zu können, hatte sie, eine ehemalige Schreibkursteilnehmerin von P.U., eine Einladung zu „eine-stadt-schreibt-ein buch“ angenommen. Schon kurz nach der Bewerbung um ihre Teilnahme hatte sie es bereut: Warum hatte sie das getan? Warum musste sie sich schon wieder unter Druck setzen? Hatte sie sich nicht erst kürzlich geschworen, ihre zahlreichen nebenberuflichen Verpflichtungen auf ein Minimum zu reduzieren? Insgeheim hoffte sie, nichts mehr von der Sache zu hören. Vielleicht war das Buch ja schon vor ihrer Anmeldung zu Ende geführt worden.
Aber etwa zwei Wochen später erreichte sie die Nachricht, jetzt an der Reihe zu sein. Sie wurde höflich darum gebeten, die Erzählung möglichst ohne neue Ereignisse einzuflechten, zu einem Ende zu bringen. Warum die Redakteurin darum bat, wurde ihr zunehmend klar, als sie sich dem bereits ebenso umfang- wie ereignisreichen Text widmete. Erschwerend kam hinzu, dass sie keine geübte Leserin war, die wie manch andere, pausenlos Bücher verschlangen. Nein, sie war eine Gelegenheitsleserein, die hie und da mal ein Buch in die Hand bekam, dann aber jede freie Minute ihres doch recht geschäftigen Lebens damit verbrachte darin zu „verschwinden“. So verschwand sie auch dieses Mal, jedoch nicht zwischen Papierseiten, sondern zwischen den Zeilen auf ihrem Bildschirm. Ihre Sinne wanderten gespannt von Kapitel zu Kapitel, um zu jenem Punkt zu gelangen, nach dem sie das Wort zu ergreifen hatte.
Einerseits hatte sie Angst vor diesem letzten Punkt, andererseits versuchte sie sich Mut zu machen, indem sie sich einredete, was für ein Glück es sei, die Chance bekommen zu haben, bei diesem Projekt mitwirken zu dürfen, die Macht zu haben ein Buch auf ihre Art zu einem, ja zum von ihr erdachten Ende zu führen. Aber gab ihr das genug Kraft, ihre Angst zu beseitigen? Und nicht nur das! Schließlich musste sie auch schreiben können! Ihr musste etwas einfallen, und nicht nur irgendetwas. Je mehr sie sich einlas, umso mehr spürte sie die Enge der Zeilen, die sich wie Schnüre um ihren Körper wanden, einer Schlange gleich, die ihr Opfer zu erwürgen sann. Nur durch tiefes Luftholen konnte sie die Wortfäden zerreißen, um wieder klare Gedanken fassen zu können.
Es konnte doch alles nicht so schwierig sein, schließlich hatten ihre bereits tätig gewordenen Mitstreiter – die Glücklichen! – auch je ein Kapitelchen verfasst. Da sie einige von ihnen kannte, wusste sie, dass auch jene, wie sie, nicht mit Schreiben ihre Brötchen verdienten. Vielleicht konnte ja dieser Gedanke ihre Blockade lösen, indem sie auf diese Weise einen gesunden Ehrgeiz entwickelte?
Es verlangte ihr einiges ab, die Figuren und ihr Verhältnis zueinander zu sortieren. Am sympathischsten waren ihr Tante Elfriede und der Hotelbesitzer Karl, weil ihr Wesen ein durchgängig gleiches Strickmuster aufwies. Große Schwierigkeiten machten ihr Antonio und Raffaela, die von ihren Vorgängern ständig zwischen Himmel und Hölle hin- und hergeschoben wurden. Und was sollte sie mit diesem Familiengeheimnis anfangen, das für Elfriedes Nichte Stefanie und deren Mutter Annemarie schon gar keines mehr war, weil sie bereits davon wussten? Diese Annemarie war ebenfalls schwer einzuschätzen. Was war das für eine Frau, die sich als Süßwarenverkäuferin einen Beamten im gehobenen Dienst geangelt, zwei Kinder von ihm bekommen hatte und später erfahren musste, dass dieser Beamte sie ständig betrogen und bereits ein Kind im Osten hatte? Sollte sie ihr leid tun? Und was war das für ein Mann, dieser Paul, der womöglich aus Liebe zu einer Frau zum Spion wurde und ein Doppelleben geführt hatte? Sollte ihre poetische Fantasie diese Familie retten? Wollte sie dies überhaupt? Bedeuteten ihr die Figuren so viel, dass sie mit ihnen ein Grande Finale würde bestreiten können? Hatte sie denn die Freiheit, das Ende der Geschichte offen zu lassen? Würden die anderen Autoren ihr das verzeihen oder würde sie bei den Kollegen in Ungnade fallen, weil diese doch mit vermutlich großem Einsatz auf ein schlüssiges Ende hin geschrieben hatten? Konnte sie Elfriede und Karl einen glücklichen Lebensabend in der reizvollen Kleinstadt am Rhein verwehren? Konnte sie es zulassen, dass Elfriede nie wirklich ein Gemälde von Bingens wundervoller Landschaft zustande brachte? Wie enttäuscht wären die Leser, wenn für Franz die Unterstützung von Tante Elfriede ausbliebe und man nie erführe, wie erfolgreich sie schließlich ihr Kleinunternehmen in Büdesheim führt? Mit welch unaufgelöster Spannung müssten Leserinnen und Leser kämpfen, wenn sich niemals klärte, ob sich aus Antonios niedrigen Beweggründen tatsächlich eine Liebe zu Franziska entwickelt hatte? Und was um alles in der Welt würde aus der kleinen Julia werden, diesem bedauernswerten Geschöpf, von dem man vielleicht nie erfahren würde, was es hatte durchmachen müssen, geschweige denn, ob sein Leid ein Ende fände? Hätte man sie nicht allzu gerne in der Obhut von Elfriede Goldstein und Karl Schubart gesehen, die sich liebevoll, wie Großeltern, bis an ihr (hoffentlich noch in weiter Ferne liegendes) Lebensende um sie gekümmert hätten? Ja, und Stefanie, hätte man sich nicht gewünscht, dass sich am Ende das Verhältnis zu ihrer Mutter bessert? Hatte Annemarie, die ständig Betrogene, es nicht verdient, von ihrer Tochter verstanden zu werden? Zum guten Schluss fehlt noch Raffaela, Raffaela Bruni, eine tragische Gestalt. Hatte sie je eine richtige eigene Familie gehabt? War sie womöglich in einem Kinderheim aufgewachsen und hatte sich aus Liebessehnsucht als junge Erwachsene dem Erstbesten an den Hals geworfen? Hatte ihr Vater erst spät von ihrer Existenz erfahren, sie suchen lassen und... und überhaupt, wie war Paul eigentlich zu Tode gekommen? Ja, das wäre dann schon wieder eine neue Geschichte.....
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Angelika Knipfer:
... in Moment allerdings sollte sie erst einmal für diese Geschichte eine Lösung finden.
Ihre Gedanken kreisten. Worauf hatte sie sich nur eingelassen. Schreiben. Schriftstücke. Akten. Aktenordner, Berge von Aktenordner sah sie. Meterweise. Regale voll. Akten, Stasiakten. Viele Stasiakten! Einen Keller voll. Dann Pläne. Pläne, vergilbte, glänzende, große, kleine, Wohnungspläne, Häuserpläne, Gartenpläne, Wegepläne, Landschaftspläne, Pläne von Weinbergen.
Eine Lösung musste gefunden werden. Franzi, Steffi, Raffaela – wie ist die Lösung. Welche Lösung. Eine Lösung, eine Lösung, Lööösuuunnng ….
Ein schriller Ton drang in ihre Gedanken. Dann Stille. Raffaela, Tonio, Antonio, Angelo, die Lösung. Eine Lööösuuunnng.
Wieder der schrille Ton. Dieser Ton. Das Telefon? Telefon? Welches Telefon? Das Telefon! Das Telefon neben dem Bett.
Elfriede schlug die Augen auf. Sie hat geträumt. Was hat sie nur für einen Unsinn geträumt. Und dann dieses entsetzliche Klingeln des Telefons. Ach herrje. Sie erinnert sich. Die letzte Nacht.
Sie schaute vorsichtig auf die andere Hälfte des Bettes. Er war noch da. Karl. Ja, Karl.
Da lag er, neben ihr, in seinem Bett. Sie sah auf seinen braun gebrannten Rücken. Seine etwas längeren, dunkelgrau melierten lockigen Haare. Karl telefonierte: „Ja, sofort, Herr Simon – ich brauche zehn Minuten, dann bin ich bei Ihnen. Spendieren Sie der Dame vom Wochenblatt einen Kaffee – sie liebt latte macchiato - aber mit doppeltem Espresso! Ich kenne die Dame – wir haben schon manchen lustigen Abend zusammen an einem der Weinstände bei den diversen Stadtfesten verbracht. Geben Sie mir noch zehn Minuten, dann bin ich an der Rezeption.“
Er legte den Hörer auf und drehte sich um.
„Elfie, Liebes, sei nicht eifersüchtig, die Dame von der Presse hat einen sehr lieben Mann und ich mag Mollige viel lieber als die Schlanken. Er berührte liebevoll ihre Brüste und streichelte ihre fraulichen Hüften. Komm, lass dich nochmals drücken. Ich liebe dich, Elfie.“ Er küsste sie leidenschaftlich. Sie schmiegte sich an seine behaarte Brust.
Sie atmete tief den Geruch des geliebten Mannes ein. Ich bin verrückt, dachte sie. Aber ich liebe ihn, ich liebe diesen Mann, der mich gestern Abend mit allen Sinnen verführt hat. Ich glaube es immer noch nicht – ich, in meinem Alter. Ich glaube immer noch, dass ich träume.
„Elfie, wir frühstücken nachher zusammen, nicht wahr? Habe ich dir übrigens heute schon gesagt, dass ich dich liebe. Ich liebe dich und ich möchte ab jetzt jeden Morgen mit dir frühstücken, Elfie, Liebes. Jetzt muss ich allerdings endlich meinen Herrn Simon von der Pressedame erlösen.“
Karl sprang aus dem Bett – sie sah seiner sportlichen Figur versonnen hinterher, als er ins Bad ging. Ach, gestern Abend, Elfriede seufzte wohlig, ach ja, – was war das für ein Abend – den wird sie sicherlich niemals mehr in ihrem Leben vergessen...
Karl hatte es tatsächlich mit seinem Charme geschafft, die Stationsärztin davon zu überzeugen, dass Elfriede noch am gleichen Tag aus der Klinik entlassen wurde. Zusammen mit Annemarie fuhren sie zunächst ins Hotel.
„Meine Damen“, sagte Karl, „ich mache folgenden Vorschlag: heute noch den Rochusberg hinaufzulaufen, um dort das Familientreffen abzuhalten, ist vielleicht doch noch zuviel für Elfriede. Annemarie, kannst du deine Töchter für heute Abend zu einer Zusammenkunft hier ins Hotel einladen? Ich denke, nachdem Antonio gegen Kaution seiner Tochter wieder frei ist, sollten wir ihn und auch Julia mit zu dem Treffen einladen. Seid ihr einverstanden?“
Angelo kommt uns ja zum Glück nicht in die Quere, er ist sicher verwahrt im Gefängniskrankenhaus.“
Elfriede bewegte nachdenklich ihren Kopf hin und her. „Karl, du hast ja so Recht. Mir scheint auch, dass Antonio eher aus Not in diese Situation geraten ist. Es ist nicht einfach, als allein erziehender Vater eine Tochter großzuziehen. Hinzu kommt ja noch, dass Julia durch die Erlebnisse während des Unfalls sehr verstört ist. Sie gehört eigentlich in eine vernünftige ärztliche Behandlung. Aber ich glaube, Franz liebt ihn wirklich und wir sollten den beiden jungen Leuten eine Chance geben.“
Annnemarie schaute nachdenklich zu Boden Sie mochte wohl an Raffaela denken. Auch die junge Frau war wohl aus Liebe zu Tonios Bruder blind geworden und nun saß sie in Untersuchungshaft. Würde sich ihre Schwägerin aber um die junge Frau kümmern, sobald sie aus dem Gefängnis entlassen war? Raffaela war zwar immerhin auch Pauls Tochter, sie gehörte gewissermaßen zur Familie. Ob Annemarie aber so großherzig sein konnte? Aber vielleicht fühlte sie sich ja an das Versprechen gebunden, das sie bei ihrer Hochzeit mit Paul - wie glücklich war seinerzeit die ganze Familie! – gegeben hatte. In guten und in schlechten Tagen, hatte sie immerhin einmal geschworen. Die schlechten Tage überwogen zwar bei weitem, doch schien es nicht so, als sei der Familienfriede wieder eingekehrt? Sie hatte den Schritt auf ihre Töchter zu gemacht. Und sie würde sich vielleicht doch darum bemühen, Raffaela auf den rechten Weg zurückzubringen. Was kann das Mädchen dafür, so einen Vater zu haben und eine Mutter, die sie einfach weggegeben hat. Und nun erhob Annemarie wieder ihren Blick.
„Ihr beiden, genießt noch den Nachmittag – wir sehen uns heute Abend. Ich werde mich um alles kümmern. Ich freue mich auf heute Abend und auf die überraschten Gesichter der jungen Leute.“ Annemarie verließ das Hotel.
Endlich hatten Karl und Elfriede wieder Ruhe. Liebevoll küsste Karl Elfriede auf die Wange. „Meine Liebe, jetzt trinken wir beide erst einmal auf deine Krankenhausentlassung einen guten Tropfen – ich habe noch einen herrlichen Regent im Keller, genau das Beste für uns beide.“
Elfriede und Karl setzten sich in die Bar. „Herr Simon, bitte bringen Sie uns den Roten, den ich vorhin im Kühlraum bereitgestellt habe. Und dann möchte ich mit Ihnen noch eine Veranstaltung für den heutigen Abend durchsprechen. Wir bekommen wichtige Gäste ins Haus – so wie ich es sehe, liebe Menschen, die zukünftig eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen werden.
Herr Simon richtete den kleinen Konferenzraum des Hotels gemütlich her. Die Tische hatte er schnell zu einer langen Tafel zusammengestellt. „Sehr schön, Herr Simon.“ Karl lächelte den Restaurantchef an: „Das sieht wirklich gut aus. Genauso habe ich mir eine Tafel für ein Familienfest vorgestellt. Und es soll heute ein Fest werden, im zweifachen Sinne. Elfriede wird die Familiengeschichte enthüllen. Das wird für manche eine große Überraschung werden. Die Kinder werden erstaunt sein und alles für einen Traum halten. Ach, ich freue mich ja so, dass wirklich alle, aber auch alle ihr Kommen zugesagt haben. Herr Simon, jetzt noch eine Bitte, die Hausdame soll noch die Tafel festlich dekorieren, so, als wenn für eine Hochzeit eingedeckt würde, und ordern Sie bitte ausreichend Blumen für die Dekoration – und für jede der anwesenden Damen eine gelbe Rose extra.“
„Wird erledigt, Herr Schubart! Ach ja, und um wieviel Uhr erwarten Sie die Gäste?“
Der Restaurantchef entfaltete die großen weißen Tafeltischdecken.
„Frau Goldstein rechnet damit, dass alle so gegen 19.00 Uhr eintreffen werden. Ihre Nichte Franziska muss ja noch arbeiten und wird sich sicher hinterher noch für das Treffen umziehen wollen. Herr Simon, bitte bereiten Sie für den Empfang einen alkoholfreien Aperitif vor. Frau Goldstein möchte, dass ihre Erklärungen von den Teilnehmern mit klarem Kopf aufgenommen werden. Aber ich denke, danach werden sicher einige Flaschen Wein geleert und auch ein gut gekühlter Trester sollte nach dem Essen bereitstehen. Ich verlasse mich da ganz auf Sie, Herr Simon. Sie wissen ja, ich werde bei dem Essen neben Frau Goldstein sitzen. Was hat denn die Küche vorbereitet?“
Herr Simon besprach das Menu und die Getränke dazu mit seinem Chef. Er lächelte vor sich hin. Karl Schubart glaubte zu wissen, was hinter seiner Stirn vorging: „Mein Chef. Ich glaube es nicht. Jahrelang ist er alleine. Witwer. Wie oft hat er mitbekommen, dass die alleinstehenden Damen der Stadt ihm schöne Augen gemacht haben. Keine hatte bei ihm eine Chance. Und da kommt die nette, kleine mollige Malerin mit ihrem schrillen Hut daher, und - verliebt ist er, der Schubart. Verliebt bis über beide Ohren.“ So ähnlich mochten Simons Gedanken spielen, und er hatte ja so Recht!
Elfriede hatte entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit viel Zeit im Bad verbracht. Wie gut, dass sie noch die gut sitzende Jeans eingepackt hat. Mit dem etwas exotisch gemusterten Pullover und der schwarzen Weste sah sie richtig flott aus. War sie wirklich schon 58 Jahre alt? Im Moment fühlte sie sich wie siebzehn. „Siebzehn Jahr, graues Haar ….“ so ein Quatsch. Die ganze Zeit beim Schminken hatte sie dieses alberne Lied gesungen.
Sie schaut den türkisfarbenen Ring an ihrem Finger an, sie nahm ihn ab und legte in ihn den Koffer. Max war jetzt endgültig Vergangenheit. Karl – das wird hoffentlich ihre Zukunft. Bingen. Eine wirklich schöne kleine Stadt. Diese Stadt hat etwas. Sie hat bei ihrem Spaziergang am Rhein entlang die Häuser der Gartenstadt gesehen. Sie sollte sich dort einmal nach einer Wohnung erkundigen. Sie hatte sowieso geplant, ihr großes Haus zu verkaufen und sich eine kleine Wohnung zu nehmen. Eine helle Wohnung muss es sein. Eine Wohnung, die von der Nachmittagssonne hell erleuchtet wird. Ja, Bingen könnte ihr gefallen. Sie dachte darüber nach, dass sie auf ihren Balkon vor der Staffelei sitzen könnte, um wieder und wieder das Panorama mit dem Mäuseturm auf die Leinwand zu malen.
Die Gesellschaft stand an der Bar.
Stefanie mit den blonden Haaren und den braunen Augen. Daneben Annemarie. Mutter und Tochter - welche Ähnlichkeit. Beide vertieft in einer Unterhaltung. Elfriede beobachtete sie. Wie liebevoll Steffi mit ihrer Mutter umging! Wenn man bedenkt, wie viele Jahre beide nicht mehr miteinander geredet hatten.
Franz stand in der Ecke und schaute sehnsüchtig zur Bar hin. Am Tresen steht Antonio und schenkte gerade Julia einen Apfelsaft in ihr Glas ein. Liebevoll streichelte er seiner Tochter über die Wange. Julia zuckte etwas zusammen, schaute dann aber in die auf sie liebevoll blickenden Augen ihres Vaters und lächelte ihn dann an. „Grazie, papa!“
Aha, sie kann auch italienisch! Langsam und vorsichtig kam Elfriede die Treppe herunter. Jetzt fühlte sie doch die Schmerzen an ihren Handgelenken von der Fesselung. Sie hatte die Gelenke mit einer Salbe eingerieben. Bestimmt noch drei bis vier Tage würde sie Probleme haben, hatte die Ärztin im Krankenhaus gesagt.
Aber, sonst fühlte sie sich super gut. So flott angezogen und sorgfältig geschminkt. Sie strahlte Karl Schubart, der hinter der Bar stand, an. Er ist schon ein gut aussehender Mann für sein Alter, dachte sie.
„Friedchen, geht’s dir gut?“ Franz umarmte sie. „Es tut mir ja so leid, was dir passiert ist. Ich fühle mich sehr dafür verantwortlich. Ich hoffe, du hast mich noch lieb. Ach, Friedchen ich weiß nicht …“ „Komm, mein Liebes, mach dir keine Gedanken. Du bist da sehr unglücklich in diese Situation gekommen, ja, ja, die Liebe ... - Aber, magst du denn deinen Tonio noch? Schau, er guckt dich die ganze Zeit an und auch die kleine Julia mag dich sehr, glaube ich.“
Franziska drückte ihre Tante an sich. Dann drehte sie sich entschlossen um und schaute Antonio an.
Der kam mit bedrücktem Gesichtsausdruck auf sie zu. „Franzi, ich liebe dich, ich wusste nicht, dass du so eine tolle Frau bist, ich liebe dich, kannst du mir verzeihen. Ich fühle mich so mies!“
„Signora, per favore, il mio padre ... ich meine, wie haben beide haben dich sehr lieb!“ - „Meine Süße, dein Papa ist mein Schatz, ich liebe ihn und dich mag ich auch, dich mag ich sogar sehr, liebe Julia! Tonio, wenn du bereit bist, mit mir zusammen hart zu arbeiten und Geld zu sparen, dann denke ich, dass wir auch ohne krumme Dinger und ohne fremde Hilfe unsere Werkstatt aufbauen können. Mein Chef will dich probeweise auch wieder anstellen, und meine Mutter würde sich um Julia kümmern, wenn wir beide in der Werkstatt arbeiten.“
Stumm ging Antonio auf Franziska zu. Er drückte sie an sich. Dann küsste er sie erst sehr zaghaft auf den Mund, schaute etwas verlegen den Rest der Familie an, dann drückte er die kleine drahtige Person an sich und gab ihr vor allen Augen einen leidenschaftlichen Kuss. Franz strahlte. Und die ganze Runde mit ihr.
„Ich bitte zu Tisch.“ Elfriede trank einen Schluck ihres Fruchtcocktails. „Ihr Lieben, ich bin heute sehr froh, dass wir hier alle so gut beieinander sitzen. Es gibt einiges zu besprechen – ich muss dazu weit in die Vergangenheit gehen – genauer gesagt, sehr weit sogar in die Vergangenheit, ins Jahr 1756.“
Elfriede begann mit der Familiengeschichte.
Im Jahr 1756 kam Paolo Bertola aus Andria ins Rheinhessische (wie man die Gegend nachmals nannte). In der Nähe von Flonheim lebte er mit anderen apulischen Hilfskräften, die im Weinbau arbeiteten. Wie sie es aus ihrer Heimat kannten, bauten sie sich für die Mittagsruhe kleine spitze Steinhütten, die Trulli in den Weinbergen. Die Einheimischen sagten dazu „Wingertsheisjer“. Bei seinem Dienstherrn machte er die Bekanntschaft einer von dessen Mägden: Annaluisa Goldstein.
Annaluisa brachte täglich zur Mittagszeit den Arbeitern ihr Pausenessen in den Weinberg. Paolo machte ihr den Hof – und sie trafen sich manchen Abend im Wingert und verbrachten manche Nacht im Trullo.
Paolo war schon lange wieder in der Heimat, als Annaluisa feststellte, dass sie schwanger war. Wie zu der Zeit üblich, wurde sie von ihrem Dienstherrn in Ungnade entlassen, sie ging zurück in ihr Heimatdorf nach Erbes-Büdesheim und brachte dort 1757 Paolo Goldstein als uneheliches Kind zur Welt; eine große Schande zu jener Zeit.
Paolo aber vermisste in der Heimat seine große deutsche Liebe und er machte sich wieder auf den langen Weg nach Flonheim. Als er hier nach wochenlangem Marsch angekommen war, war sie bereits aus dem Dienst und niemand konnte ihm sagen, wohin sie gegangen war. Monatelang suchte er sie, und als er endlich die Familie fand, musste er bestürzt erfahren, dass Annaluisa am Kindbettfieber gestorben war. Aber ihr Söhnchen hatte überlebt und die Eltern zogen den kleinen Jungen auf.
Paolo schwor, dass er für sein Kind sorgen würde und kehrte in seine Heimat zurück. Er arbeitete jahrelang hart, gönnte sich nichts und erwarb von seinem kargen Lohn einen wertvollen Weinberg in der Nähe vom Castel del Monte.
Die Wirren der Zeit indessen sorgten dafür, dass die Familien Goldstein und Bertola sich nie mehr trafen.
Elfriedes Großmutter Sarah war es, die anfing Familienforschung zu betreiben. Sie fand heraus, dass der Weinberg von Paolo, der nie in seinem Leben eine eigene Familie gegründet hatte, seit dem 18. Jahrhundert brach lag. Sehr gutes Land, für das über viele Generationen hinweg nach dem Erben gesucht wurde.
Sarah nahm Kontakt mit der Gemeindeverwaltung von Andria auf – aber erneut machte die Geschichte einen Strich durch die Rechnung und erst mein Bruder Paul deckte seine Familiengeschichte auf.
„Ja, und jetzt stehe ich hier“, sagte Elfriede, „ ich stehe hier, um euch mitzuteilen, dass ihr Erben einer großen wertvollen Immobilie in Apulien seid, einer Immobilie, für die von vielen angesehenen Weinbauern der Region hohe Kaufoptionen vorliegen.“
„Aber, woher wusste mein Bruder von der Geschichte?“ Antonio schaute Elfriede verwundert an.
„So wie ich informiert wurde, hat Angelo bei einem Einbruch in einem Notariat die Urkunden und den Schriftverkehr über diese Erbangelegenheit erbeutet. Er hat sich dann an Raffaela herangemacht, die als eine der Erbinnen registriert war, und mit ihr dann einen Plan ausgeheckt, wie beide an das beträchtliche restliche Goldstein-Vermögen kommen könnten. Er hat Raffaela dann Antonio als Kinderfrau für Julia nach dem Unfalltod seiner Frau vermittelt. Da dieser auf Dauer seinen Lebensstandard nach dem Tod seiner Frau nicht halten konnte und in finanzielle Not kam, eröffneten die beiden ihm ihren Plan, und Antonio war, zwar widerstrebend, aber dann doch, aus der Not heraus, dazu bereit mitzumachen. Jetzt musste Antonio nur noch in Deutschland den Kontakt zu Franz oder Steffi suchen und so an das Erbe kommen.“
„Was, du Schuft!“, rief Franz aus. Antonio schaute sie an. „Franzi, kaum dass ich dich sah, verliebte ich mich in dich und mochte den Plan meines Bruders nicht weiter verfolgen. Ich wollte mit dir zusammen durch anständige Arbeit in der Werkstatt zu Geld kommen, aber Angelo und Raffaela verstanden es, Julia gegen mich zu beeinflussen, und ich war somit ein hilfloses Werkzeug in ihren Händen. Ich bin so froh, dass alles jetzt ein Ende hat.“
Es hatte ein Ende. Der Abend lief mit guten Gesprächen, Lachen und Weinen aus. Auch Steffi ging Arm in Arm mit ihrer Mutter nach Hause.
Antonio trug die inzwischen eingeschlafene Julia auf dem Arm und ging Hand in Hand mit Franziska zu deren Auto. Nachdem sie das Kind vorsichtig auf den Rücksitz gebettet hatten, umarmte Antonio Franziska und gab ihr noch einmal einen leidenschaftlichen Kuss.
Nachdem Elfriede und Karl die Kinder vor dem Hotel verabschiedet hatten, gingen beide Händchen haltend in Elfriedes Zimmer.
Wie durch Zauber hatte Karl noch eine Flasche erstklassigen Riesling-Sekt und zwei Gläser dabei. „Liebe Elfie, ich möchte mit dir ein Glas auf das Wohl deiner Familie trinken, es ist dir doch recht, oder?“
Elfriede schaute ihn lange an. Dann öffnete sie mit einem ganz besonderen Lächeln die Tür ihres Zimmers. Während Karl den Sekt einschenkte, sorgte sie für romantische Nachtmusik. Bingen, dachte sie, Bingen, diese Städtchen hat etwas Besonderes an sich. Ich glaube, ich habe mich nicht nur in diesen Mann verliebt, sondern auch in das besondere Städtchen am schönen Rhein und mit einem verführerischen Lächeln nahm sie das ihr von Karl gereichte Glas mit dem prickelnden Sekt entgegen.
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